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Essen: Weichspüler suhlt sich in Walzerschmalz

Essen : Weichspüler suhlt sich in Walzerschmalz

Ist es Andacht, Ergriffenheit oder blankes Entsetzen? Dafür, dass 300 Journalisten eine Stunde lang wie versteinert sitzen und lauschen, braucht es jedenfalls einen guten Grund.

Im Pact Zollverein, dem Choreographischen Zentrum auf dem Gelände der ehemaligen Essener Zeche, präsentiert Marius Müller-Westernhagen am Dienstagabend sein neues Album. Es ist das 22. in der Karriere des 56-Jährigen und der Nachfolger von „In den Wahnsinn”, das 2002 als wütende Reaktion auf den 11. September entstand.

„Inzwischen habe ich meinen Frieden wieder gefunden”, sagt Müller-Westernhagen, der seit 1988 auf seinen Platten nur noch Westernhagen heißt. Das neue Album, das ab Montag (21. Februar) im Handel erhältlich sein wird, heißt „nahaufnahme”, und es sieht auch genauso aus. Das Cover zeigt den Künstler ganz, ganz nah, ein Porträt in körnigem Schwarzweiß, mit angeschnittenem Kopf und giftig neongrünen Augen. Fotografiert hat es Karl Lagerfeld.

Die 14 Songs von „nahaufnahme” hätten bei einer Schlagerrallye gute Chancen. Westernhagens Stimme - immer ganz dicht am Mikro, immer ganz viel Timbre, immer ganz viel Schmelz - tremoliert durch Texte, die selbst hartgesottenen Hitparaden-Hörern den Schweiß auf die Stirn treiben: „Ich will dich ehren / Ich geb auf dich acht / Verloren geglaubtes Verlangen / Raubt uns den Atem heute Nacht”.

Passend zu soviel Watte in Weichspüler klingt die Musik nach Wiegenlied („Schweige still”), Walzerschmalz („Georgie”) oder stellenweise gar wie ein Weihnachtskonzert („Mit dem Rücken zur Wand”). Nur das Intro („Versuch dich zu erinnern”) kommt im coolen Club-Ambiente daher, und „Daneben” ist ein pfefferminziger Prinzenkracher, bei dem der Sänger rotzt und kiekst, sein jüngeres Ich und den Geist des Rock n Roll beschwörend.

„Willst du tanzen” wummert und wabert sich durch hallende Seife, bei „Gejammer” wird in seligster Südstaaten-Manier gefiedelt, und „Ich wollte nie” löst bei jedem Rheinländer augenblicklich den Schunkel-Reflex aus. Das Ganze gipfelt in Westernhagens Credo „Solange wir noch leben”, das von Harmoniumklängen untermalt wird, und in Kombination mit pathetischer Bibelsprache („Hoff, dass der Liebe Kraft / Uns neu erschafft”) fast schon sakralen Charakter hat.

Später, im Interview mit Alan Bangs, wird Westernhagen davon reden, wieviel ihm dieses neue Album bedeutet, wie stolz er darauf ist und wieviel Seele darin steckt: „Es waren beglückende Wochen im Studio. Vom ersten Moment an herrschte eine Atmosphäre von Liebe. Da habe ich gesagt ,Wir nehmen so lange auf, bis ein Engel durchs Zimmer geht.”

Seine Flügel haben Musiker wie Jay Stapley, die auf „nahaufnahme” dabei sind, berührt. Aber der globale Kitsch der Scheibe überwiegt. Ab September wird Westernhagen mit der neuen CD auf Tour durch die ganz großen Hallen der Republik gehen. 23 Konzerte in zwölf Städten stehen auf dem Programm, den Abschluss markiert der Auftritt in der Düsseldorfer LTU-Arena am 2. Dezember.

Ausschlag für den Entschluss, wieder auf die Bühne zu gehen, gab der Besuch eines Sting-Konzerts in London: „Da hab ich gesehen, wie toll man mit dem Publikum kommunizieren kann und zu mir gesagt: ,Du fauler Sack, du ziehst dich hier aus der Affäre - so alt bist du auch noch nicht”. Man wird sehen.