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Aachen: Wehe, wenn der „Werner” wieder streikt

Aachen : Wehe, wenn der „Werner” wieder streikt

Sie dürfen sogar schon den Generalschlüssel benutzen: Für Miriam Elebe (26) und Nikita Mathias (23) ist das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum in diesen Wochen ein freiwillig gewählter Arbeitsplatz mit der Chance, jede Menge Wissenswertes für ihr Studium und vielleicht sogar Erfahrungen für die spätere Berufstätigkeit zu sammeln - allerdings ohne Bezahlung.

In den Semesterferien nur Trödeln? „Auf keinen Fall”, sagt Miriam, die in Aachen Kunst- und Baugeschichte studiert. „Das kenne ich aber auch bei meinen Kommilitonen nicht. Entweder haben wir einen Job, um die Studiengebühren besser zu verkraften, oder wir sitzen an Hausarbeiten. Ich sitze meistens auch nach dem Tag im Museum an meinem Computer.” Nikita, der in Düsseldorf Germanistik und Kunstgeschichte studiert, sieht das genau so. „Ich profitiere von solch einer Zeit. Ich habe schon bei einer Theaterzeitung mitgemacht, und jetzt bin ich dort sogar freier Mitarbeiter.”

Die beiden Praktikanten hat Museumsmitarbeiterin Sylvia Böhmer aus einem großen Stapel Bewerbungen ausgesucht. „Es muss etwas zu tun sein, damit es sich für sie lohnt. Wir nehmen häufig Praktikanten an, besonders dann, wenn bei uns Projekte ablaufen oder vorbereitet werden.”

Im Falle von Miriam und Nikita, die inzwischen schon ein prima Team geworden sind, ist das eher eine „Nachbereitung”. Sie seufzen ein bisschen, wenn sie davon erzählen, wie sie einen möglichst komplexen Pressespiegel von der kürzlich abgelaufenen vielbeachteten Ausstellung „Gemaltes Licht” zu Willem Kalf erzählen. „Die Stadt hat einen Ausschnittdienst, wir leider nicht. Uns fehlten viele Artikel”, so Sylvia Böhmer.

Und so konnten die jungen Leute erfahren, dass man sich auch in Zeiten des optimalen Datentransfers mit E-Mails und Attachments nicht allein auf Dateien verlassen kann: „Wir sind zur Stadtverwaltung gelaufen, haben herausgesucht, was das Museum nicht hatte.” Dann ging es zum Farbkopierer, der inzwischen zum festen „Kollegen” geworden ist. „Wir haben ihn ,Werner´ getauft, damit wir uns besser über ihn ärgern können, denn er hat so seine Macken”, erzählt Miriam.

Gemeinsam sorgten sie dafür, dass 36 Pressespiegel-Hefte mit jeweils rund 150 Seiten für die Leihgeber entstehen konnten. „Und das Titelblatt haben sie auch gestaltet”, berichtet Sylvia Böhmer. „Bei solchen Sachen sind ja gerade die jungen Leute sehr fit.” Nikita bestätigt: „Kein Problem. Das Plakatmotiv konnte ich downloaden, dann kam noch die Aufschrift ,Pressespiegel´ dazu, und schon war es fertig.”

Ziel des Praktikums ist - wie überall - der Blick hinter die Kulissen. Hier erfahren die beiden, mit welchen Alltagsdingen ein Museum kämpft - vom klingelnden Telefon bis zum defekten Drucker. „Praktikanten erfahren, dass wir zum Beispiel Einladungen selbst eintüten, wenn die Zeit drängt, und dass eine Menge Kraft und Vorbereitung nötig ist, um eine Ausstellung überhaupt möglich zu machen, Sponsoren und andere Museen zu finden, die sich eventuell an einem Projekt beteiligen.”

Was Miriam und Nikita zurzeit tun, fasziniert sie: „Wir stellen eine Informationsbroschüre zusammen”, sagt Nikita. Thema ist der Fotograf Arthur Leipzig, den Sylvia Böhmer kürzlich in New York besucht hat. Im nächsten Jahr - zu seinem 90. Geburtstag - möchte sie ihn in Aachen präsentieren. Die Informationsschrift soll potentielle Förderer überzeugen helfen. Unter anderem mit ihren Erfahrungen am Kopierer sind die Praktikanten wichtige Assistenten geworden. „Sie können Fotos vergrößern und anpassen, reden mit bei der Auswahl, das ist toll, sie haben ein gutes Auge dafür”, lobt Sylvia Böhmer.

Für die beiden Studenten ist es ein gutes Gefühl, nicht überflüssig oder einfach nur „geduldet” zu sein. Von morgens 9 Uhr bis nachmittags 16 Uhr sind sie im Team integriert, wobei sie selbst beim Einrichten der neuen „Wunderkammer” mitwirken oder Texte zur kommenden Max-Klinger-Ausstellung Korrektur lesen dürfen - natürlich mit dem neuen Duden in greifbarer Nähe. „Für mich ist das ein prima Training”, gesteht Miriam. „Ich bin im Ausland zur Schule gegangen und muss mich richtig anstrengen, die Groß- und Kleinschreibung zu beachten.”

Wenn die sechs Wochen abgelaufen sind, erhalten die beiden nicht nur eine Bestätigung ihrer Arbeit, sondern sogar ein Zeugnis, wenn sie möchten. Das kann für die Zukunft wichtig sein - und sie wissen das genau.

„Bei Bewerbungen um Stellen im Museumsbereich gibt es Leute, die haben mit tollen Noten in allen Studienfächern abgeschlossen, aber nie praktische Erfahrungen gesammelt”, sagt Sylvia Böhmer. „Andere, die sich im Studium umgesehen und schon frühzeitig mitgearbeitet haben, werden viel lieber gesehen.” Und das macht den jungen Leuten Mut.