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Köln: WDR-Orchester mit Schostakowitschs „Leningrader”

Köln : WDR-Orchester mit Schostakowitschs „Leningrader”

Wenn die 7. Symphonie von Dmitri Schostakowitsch, die „Leningrader”, auf dem Programm steht - selten genug -, weiss man im voraus, mit einem Werk konfrontiert zu werden, dem mit rein musikalisch-strukturellen Werten allein nicht beizukommen ist.

So war es nicht anders anlässlich der Aufführung des WDR-Sinfonieorchesters Köln unter Semyon Bychkov in der Philharmonie, das live über WDR 3 ausgestrahlt wurde.

Kein zweites Werk der Musikgeschichte entstand unter derart fürchterlichen äußeren Umständen wie diese 1942 im belagerten, hungernden Leningrad komponierte Symphonie angesichts von schließlich einer Million Toten.

Nur vor diesem Hintergrund ist das emotional zum Äußersten geladene Riesenwerk mit seinem extremen Orchesteraufwand und seinen 75 Minuten Spieldauer zu verstehen.

Rein musikalisch hat Schostakowitsch Bedeutenderes geschrieben, so die 4., 8. und 10. Symphonie, aber kein anderes Werk hat seinen Ruhm derart verbreitet wie dieses Fanal des Widerstandes.

Dessen Partitur war auf aberteuerlichen Wegen noch 1942 in die USA gelangt, wo Toscanini die amerikanische Erstaufführing dirigierte und das Werk im gleichen Jahr zweiundsechzigmal gespielt wurde.

Bychkov liegt das Werk besonders am Herzen

Dass der Komponist und sein Werk in die Mühlen der sowjetischen Propaganda gerieten, liegt auf der Hand. Bychkov ist gebürtiger Leningrader, kein Wunder, dass ihm diese Siebente am Herzen liegt.

Man spürte fast körperlich die emotionale Spannung, mit der er das Stück dirigierte, den gewaltigen Apparat geradezu beschwörend.

Wie er die berühmte „Invasionsmusik” des ersten Satzes mit ihrem Ravels Bolero abgelauschten elfmaligen sich ständig steigernden Marschthema aufbaute, wie er im Adagio die nicht weniger als 80 Streicher zu verzehrender Intensität zwang, wie er das massierte Blechaufgebot bei aller Pracht des Schluss-Triumphes dennoch klanglich integrierte, das war meisterlich. Fast noch beeindruckender die wunderschönen Holzbläsersoli in den lyrischen Partien.

Die WDR-Sinfoniker demonstrierten einmal mehr ihren qualitativen Rang und stimmten am Ende selber in den begeisterten Beifall des Auditoriums für ihren Chef ein. „Hitler war ein Verbrecher, aber Stalin war es auch.” Das sagte der desillusionierte Schostakowitsch im Rückblick auf die „Leningrader” gegen Ende seines Lebens. Auch daran musste man an diesem Konzertabend denken.