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Aachen: Was der Krieg aus Menschen macht: Teilmans inszeniert „Motortown”

Aachen : Was der Krieg aus Menschen macht: Teilmans inszeniert „Motortown”

„Behalte ihn immer im Blick! Ja, so ist es schön, ihr müsst Spannung aufbauen...” Ewa Teilmans ist konzentriert, ruhig, stets bereit, ihren Akteuren sehr nah und sehr klar zu vermitteln, wie sie empfindet und was den Zuschauer erreichen soll.

Die Regisseurin des beinharten Stücks „Motortown” von Simon Stephens, das am Samstag, 17. Januar, im Großen Haus des Aachener Theaters Premiere hat, geht noch einen Schritt weiter, denn rund um „Motortown” wird es vom 12. bis 21. Januar erstmals ein brennend aktuelles Programm unter dem Motto „Nach dem Krieg. Individuelle und gesellschaftliche Folgen” geben, bei dem die Theaterleitung in Vorträgen, Filmen, Lesungen, Diskussionen und Installationen die Beschäftigung mit der bitteren Thematik ermöglicht.

Was der Brite Stephens - 36 Jahre alt, laut Kritikerumfrage bester ausländischer Dramatiker 2008 - in seinem Werk ausdrückt, hat Ewa Teilmans tief bewegt: „Er verurteilt nicht, er spiegelt den moralischen Zustand der westeuropäischen Gesellschaft und zeigt, wie der Krieg Psychen und Perspektiven verletzt. Niemand kommt unverändert zurück. Es ist ein Eingriff in die Gesellschaft.”

Der Titel „Motortown” leitet sich von der Arbeitersiedlung nahe London ab, die Ford errichten ließ und die nach Schließung des Werkes völlig verslummte. Das Stück erzählt in acht Episoden, wie es dem 27-jährigen Soldat Danny ergeht, der gerade aus dem Irak-Krieg heimgekehrt ist und was der Krieg mit ihm gemacht hat. Es schildert die Reaktionen seines Umfeldes, das Misstrauen, die Angst, die man ihm gegenüber nicht verbirgt. Seine Freundin Marley will ihn nicht mehr - sie fürchtet ihn und ein Leben in der Brutalität von „Motortown”...

Ewa Teilmans hat geforscht - was ist eine „Posttraumatische Persönlichkeitsstörung”? Wie hat man versucht, Kriegsheimkehrern zu helfen? Was ist in unserer Gesellschaft überhaupt los? „Da taucht zum Beispiel ein Swinger-Pärchen im Stück auf”, meint sie amüsiert. „Nach meinen Informationen gibt es bei uns so viele Clubs, dass quasi jedes zweite Paar so etwas nutzen müsste, ich habe im Internet sogar ein Karte gefunden, in der alle Clubs verzeichnet sind.”

Zur gründlichen Lektüre des Stücks gehört der Vergleich mit dem englischen Original: „Es sind Sätze ausgelassen worden, die uns aber als sehr wichtig erscheinen. Und es wird dauernd geflucht. Aber einen Begriff wie ,Fuck´ kann man nicht einfach mit ,Scheiße´ übersetzen. Wir ergänzen die Sätze und das Wort bleibt im Original!” An ihrer Seite wacht Regieassistentin Daniela Neubauer über solche Feinheit, notiert Veränderungen, gibt technische Hilfestellung.

Nach einem ersten Kennenlernen, beginnt nun aus der Schar der Darsteller ein Ensemble zu wachsen. „Alle kennen alle Szenen, auch die, in denen sie nicht mitmachen, das ist ungeheuer wichtig”, betont die Regisseurin, die in den Köpfen ihrer Akteure eine Hinwendung zur tiefen Tragik erreichen möchte, die Stephens in nur scheinbar leichten Sätzen auf die Bühne wirft.

Wie sehr schmerzt den Veränderten die Veränderung? Wie erkennt man das misstrauische Grauen, das er bei seinen Mitmenschen erzeugt? „Wir müssen eine gemeinsame Sprache in der schauspielerischen Umsetzung finden”, so die Regisseurin. „Da darf nichts naturalistisch wirken, ob Text, Bühne oder Licht, erst die Ebene der Verfremdung erzeugt die richtige Wirkung.” Und so feilt sie an jeder Geste, jedem Blick, der Dynamik der Abläufe.

Die karge Probebühne im Souterrain des Mörgens ist gerade der richtige Ort dafür. Oleg Zhukov, Darsteller des autistischen Bruders Lee, und Florian Schmidt-Gahlen, der die enorme Aufgabe übernommen hat, den Ex-Soldaten Danny zu verkörpern, sind pünktlich zur Stelle. Ein Schlagzeug ist aufgebaut - für den behinderten Lee ein Mittel, Emotionen auszudrücken. Auf einer Holzfläche kann die erste Szene beginnen. „Ihr wisst, was es bedeutet, wenn ich zong und klong rufe”, gibt Ewa Teilmans einen geheimnisvollen Hinweis, der sich auf einen bestimmten Effekt im „richtigen” Bühnenbild bezieht - das wird aber noch nicht verraten.

„Wir wollen jetzt versuchen, uns an das zu erinnern, was wir gestern gefunden haben”, fordert sie die beiden jungen Schauspieler mit freundlichem Nachdruck auf. Und sie erinnern sich: Oleg verwandelt sich in den leicht stotternden, den Bruder Danny kindlich verehrenden Lee. Florian wirkt plötzlich hart, im innersten Kern verletzt, zynisch und sadistisch. Die rührende Zuwendung durch den kleinen Bruders verunsichert und provoziert ihn.

„Du behauptest, Herr der Lage zu sein, aber du bist es nicht. Nur kurz anschauen, dann wieder zurück! Florian, warten, warten..., ja, so ist es gut.” Während Ewa Teilmans Anweisungen gibt, bringt sie den beiden nach und nach nahe, was die Charaktere ihre Figuren ausmacht. Die kleine Veränderung einer Betonung - schon hat der Satz eine andere Gewichtung. „Sind wir im Text falsch?”, fragt Florian plötzlich. „Nein, alles richtig”, beruhigt ihn Daniela Neubauer.

Ewa Teilmans hat längst die brombeerfarbene Strickjacke ausgezogen. In ihrer Arbeit vertraut sie auf diese Akteure, das spüren sie, und sie werden nicht nur besser: Die Szene, wie sie vor 50 Minuten war, hat sich verändert. Ein Hauche von billigem Deo liegt in der Luft: „Ich hasse den Sommer” - ein Satz, den Lee mit einem Griff zum Spray unterstreicht - und das kommt an.

Acht Szenen hat das Stück, achtfach wird man die jeweiligen Beziehungen entdecken und entwickeln - bis zum bitteren Ende, an dem sich ein Mord ereignen wird. Wie es dazu kommt? Wenn Ewa Teilmans Regiekonzept aufgeht, kann es jeder aufmerksame Zuschauer begreifen.

Vorträge, Podiumsdiskussionen, Film und eine Installation

Premiere von „Motortown”, dem Stück von Simon Stephens, ist am Samstag, 17. Januar, 19.30 Uhr, im Großen Haus des Theaters Aachen.

Ein umfangreiches Rahmenprogramm unter dem Motto „Nach dem Krieg” begleitet das Stück:

12. Januar, 20 Uhr, Großes Haus: Vortrag Johan Galtung, Friedens- und Konfliktforscher.

13. Januar, 19 Uhr, „KostProbe”.

14. Januar, 19.30 Uhr, Podiumsgespräch „Nach dem Krieg”, Moderation Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung.

15. Januar, 20 Uhr, Kammerspiele, der Film „Mark of Cain” von Marc Munden.

16. Januar, 20 bis 22.30 Uhr, „Reise durch das Dunkel”, Installation von Tobias Danke im Theater.

18. Januar, 11 Uhr, Kammerspiele, Vortrag von Jonathan Shay (USA), Psychiater und Autor.

19. Januar, 20 Uhr, Podiumsgespräch im Spiegelfoyer „Wir sind immer noch Wüste”.

20. Januar, 20 Uhr, „Woyzeck hört Motortown”, szenische Lesung mit Musik, Spiegelfoyer.

21. Januar, 19.30 Uhr, „Motortown”, 21 Uhr, „Heilung und Tragödie”, Abschluss und „Nachrede”.

Wochenticket für alle Veranstaltungen für 25 Euro, ermäßigt für zehn Euro.