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Aachen: Warum teures Öl gut für die Zukunft ist

Aachen : Warum teures Öl gut für die Zukunft ist

Mal vorgestellt: Sie sind 78 Jahre alt, stehen friedlich vor ihrem abbezahlten Häuschen und sehen 50 Lkw auf sich zukommen, alle mit je 20 Tonnen beladen. Stück um Stück kippt Ihnen dann jeder Transporter seine Fracht vor die Füße. Auf der letzten Ladung pappt ein Zettel: „So viel Rohstoffe haben Sie persönlich in Ihrem Leben verbraucht. Mit schönem Gruß, Ihre Mutter Erde.”

Eine statistische Spielerei, aber mit realen Zahlen. 1000 Tonnen Rohstoffe benötigt jeder Bewohner Deutschlands in 78 Jahren, was in etwa die aktuelle durchschnittliche Lebenserwartung ist.

Rohstoffe: Öl, Kohle, Erdgas, Eisen oder Kupfer fallen einem sofort ein. Aber in der Erde, genauer: in der Erdkruste, ist noch viel mehr drin. Aluminium, Zink, Blei, Uran, Gold, Silber, Phosphat, Kali, Salz, Zement, Kalk, Torf, Sand und Kies, um nur die wichtigsten zu nennen. Noch wichtiger ist, wofür wir sie brauchen. Wärme, Licht, Autos, Eisenbahnen, Straßen, Kunststoff, Kugelschreiber: das ganze heutige Leben halt; auch die Zahnpasta und Kosmetika bestehen bis zu 80 Prozent aus Kalk.

„Der Bergbau holt das aus der Erde, was die Gesellschaft nachfragt.” Kann man geschickter für den Bergbau werben? Per Nicolai Martens leitet das Institut für Bergbaukunde I der RWTH Aachen, und natürlich weiß der 60-Jährige um das Negativ-Image seiner Zunft. Bergbau klingt nach Technik von gestern und nach Umweltzerstörung. Nicht umsonst wurde die Fakultät für Bergbau vor drei Jahren umbenannt in jene für „Georessourcen und Materialtechnik”.

Das ist auch kein Etikettenschwindel. Erdöl bringt man zwar eher nicht mit mit „Bergbau” in Verbindung. Doch nicht zuletzt die Gewinnung dieses Rohstoffs setzt immer wieder entscheidenden Innovationsschübe an Forschung und Technologie in Gang. Und das hat das ganz wesentlich mit den hohen Ölpreisen zu tun. „Hohe Rohstoffpreise sind der ganz große Motor für die Aufschließung neuer Lagerstätten und für den technischen Fortschritt”, sagt Martens. So habe die „Ölkrise” 1973 entscheidend die bis dahin unprofitable Ölgewinnung in der Nordsee beflügelt.

Martens, jüngst Gastgeber einer internationalen Fachtagung, die sich mit „Hochleistungsabbau” beschäftigte: „Mittlerweile ist die Technik so weit, dass sie bei viel niedrigeren Preisen profitabel ist.” Und, bei einem Rohölpreis von derzeit um die 80 US-Dollar je Barrel (Fass) lohne sich auch die tiefe, teure Bohrung nach Öl und Gas im Packeis der Barentsee. Oder die Gewinnung von Öl, das in Sand gebunden ist.

Davon hat allein Kanada so viel wie in Saudi Arabien, einem der ölreichsten Staaten, flüssig unter der Erde liegt. Mit riesigen Baggern, die den Sand auf Lkw kippen, die 400 Tonnen auf einmal packen und rund eine Million Dollar das Stück kosten, holen in der Provinz Alberta inzwischen sechs große Firmen Öl aus dem Sand. Enorm teuer ist das, aber anscheinend lohnt es sich für die Unternehmen.

Professor Martens, selber lange Jahre in Abbau-Unternehmen tätig, bevor er vor 15 Jahren in die Hochschule wechselte, hält entsprechend wenig von Szenarien, die die baldige Erschöpfung von Erdölvorräten ausmalen: „Als ich Kind war, reichten die Vorräte noch für 40 Jahre. Jetzt bin ich 60, und die Vorräte reichen immer noch für 40 Jahre.” Der Mensch sei nun einmal erfinderisch. „Im Westen”, ist Martens überzeugt, „werden wir es uns in absehbarer Zeit auch leisten können, Wasserstoff als Energie zu nutzen.”

Spannender ist die Frage nach dem Umgang mit Energie in den so genannten Schwellenländern, China und Indien vor allem, und die Konsequenz für „den Westen”. Seit drei Jahren, seit diese Länder massiv die restliche Welt nach Rohstoffen abgrasen, boomt dieser Markt, um bei extremen Preissteigerungen einen „nicht erahnbaren Bedarf” zu stillen. Die EU-Staaten seien längst real dabei, an die politische Vorgabe heranzurücken, das Wirtschaftswachstum von Rohstoffverbrauch und Energiebedarf zu entkoppeln - durch Sparen und technologischen Fortschritt. Hier ist aber auch längst alles an Infrastruktur vorhanden, worin dort noch zusätzliche Energie gesteckt werden muss, Straßen, Kraftwerke, Staudämme.

Dennoch, Professor Martens´ Credo bricht auch das nicht: „Wir, und das meint die ganze Welt, sind auf Sicht ausreichend versorgt mit Rohstoffen. Es wird gewisse Knappheiten geben, die Preise werden steigen, aber es wird nicht zusammenbrechen.”

Wenn man aber nur mal statistisch rechnet, was herauskommt, wenn auch jeder Chinese am Ende seiner durchschnittlichen Lebenserwartung an die 1000 Tonnen Rohstoffe verbraucht hat... Derzeit wird der statistische Chinese allerdings nur 72,58 Jahre alt.