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Warum immer „Last Christmas”?

Warum immer „Last Christmas”?

Warum nur ist George Michael scheinbar so unglücklich, dass er sich inzwischen regelmäßig stark narkotisiert am Steuer seines Autos erwischen lässt? Eigentlich müsste er ein überaus glücklicher Zeitgenosse sein, denn ihm gelang schon im Alter von 22 Jahren das Kunststück, von dem die meisten seiner Popstarkollegen eine Karriere lang träumen.

Mr. Michael machte sich mit der Herzschmerzballade „Last Christmas” unsterblich.

Arbeiten müsste er eigentlich nicht mehr, denn sein erstmals am 15. Dezember 1984 veröffentlichter Weihnachtsdauerbrenner spielt seit inzwischen 24 Jahren Winter für Winter Saläre ein, die ihm weit mehr als das alljährliche Restaurieren seines ewigen Perlweißlächelns sichern dürften.

Mit bis zu 500 Radioeinsätzen täglich zwischen Mitte November und Heiligabend alleine in Deutschland und der alljährlichen Neuveröffentlichung seines ultimativen Schlachtrosses als Single, die es 2007 sogar wieder in die Top fünf der deutschen Single-Charts schaffte, klingeln die Glocken im Hause Michael nach jedem Jahreswechsel zuckersüß.

Jubiläum im nächsten Jahr

Vielleicht ein wenig zu süß, denn der Mann, der sich im Videoclip zu eben jenem Hit mit Lady-Diana-Gedächtnisfrisur ins kollektive Bewusstsein einbrannte, möchte gerne als ernsthafter Künstler identifiziert werden. Aber wer denkt bei der Nennung seines Namens schon an „Older” oder „Jesus To A Child”? „Last Christmas” ist und bleibt trotz aller Distanzie- rungsversuche seinerseits die Iden- tifikationsnummer des George Michael.

Im nächsten Jahr wird sie 25 Jahre alt und damit für kollektiven Schrecken bei allen Mittdreißigern und Mittvierzigern sorgen. Schließlich schafft das Bewusstwerden des eigenen Alterungsprozesses nichts so plakativ wie das Jubiläum eines Popsongs, zu dem man bereits vor einem Vierteljahrhundert in Glückseligkeit taumelte.

Was aber macht „Last Christmas” eigentlich so unsterblich und zu einer derart sicheren Beschallungsbank jedes Weihnachtsmarktes? Weihnachtslieder gab und gibt es schließlich nicht nur von seichten Popacts wie Michaels damaligem Duo Wham!, sondern beispielsweise auch von John Lennon, Paul McCartney, Frankie Goes To Hollywood - so penetrant und erfolgreich wie Glühweinstände hielt sich allerdings nur „Last Christmas”.

Dessen Melodieführung ist eingängig und einfach. Der Glöckchenrhythmus mit der kinderliedgerechten Synthesizerlinie steht nicht für ausgebuffte Komponistentaktiererei. Das kann er auch gar nicht sein, denn „Last Christmas” war ursprünglich von Herrn Michael gar nicht als Weihnachtslied geplant worden, sondern sollte eigentlich „Last Easter” heißen und zu Ostern 1985 veröffentlicht werden. Auf das Insistieren seiner Plattenfirma hin wurde in Windeseile ein modernes Winter-Weihnachtsmärchen daraus.

Einfach zeitlos

Möglicherweise ist es jene Unbekümmertheit, die dem Song seine Dauerpräsenz schuf. Ganz sicher aber ist es auch jene Textzeile, die eine gescheiterte Liebesbeziehung aus dem Vorjahr beschreibt. „Last christmas I gave you my heart, but the very next day you gave it away, this year to save me from tears, I´ll give it to someone special”, schmachtet George Michael wohlüberlegt im Refrain. Die Raffinesse hinter diesen Allerweltsreimen ist immer noch nicht wegzureden.

Alleine das Wort „last” sorgt für Zeitlosigkeit, weil es weder das Jahr 1984 noch 2008 benennt - es geht immer nur um das Vorjahr. Ob die skizzierte Unbarmherzigkeit der verflossenen Liebe zu Ostern oder zu Weihnachten stattfindet, ist dabei eigentlich egal.

Schmerzen und deren Erlösungswünsche lassen sich zu allen christlichen Festen prima potenzieren. Und so wünscht man sich Jahr für Jahr, „das Fest der Liebe” möge das individuelle Schicksal genauso allgemeingültig darstellen wie im Videoclip aus dem Jahr 1984. Mit den Schneeballschlachten, den schmachtenden Flirtblicken und der geschenkten Brosche vom Angebeteten. Die Selbsterneuerung wird „Last Christmas” also ziemlich sicher auch zum Silberjubiläum im nächsten Jahr gelingen.

Schlaglichter aus der Karriere von Wham!

George Michael und Andrew Ridgeley bildeten das Duo Wham!, das von 1982 bis 1986 durch die Popwelt ging.

Neben „Last Christmas” war auch der Song „Wake Me Up Before You Go Go” ein großer Hit.

Unter anderem sorgten Wham! für Furore, als sie 1985 als erste westliche Band in der Volksrepublik China spielten und in den USA aus einem Album drei Singles auskoppelten, die alle die Spitze der Billboard-Charts eroberten.

Das letzte Konzert von Wham! 1986 im Wembley-Stadion war so schnell ausverkauft wie kein anderes: Sämtliche Karten wurden innerhalb von drei Minuten abgesetzt.