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Aachen: Warmherzige Geschichte vom wirklichen Lebensglück: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran”

Aachen : Warmherzige Geschichte vom wirklichen Lebensglück: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran”

Es ist alles da, obwohl die Bühne bis auf zwei variable Wände, Sessel, Stehlampe und Hocker fast leer bleibt: Der kleine Laden an der Rue Bleu in Paris, die bescheidenen Gemüsekästen und Regale, die düstere Wohnung mit dem deprimierten Papa, das neue Auto, das Meer.

Aber auch die Weite, die Wärme und Lebensklugheit, mit der Monsieur Ibrahim, der „Araber an der Ecke”, den jüdischen Jungen Moses ins Herz schließt.

Denn darin liegt der entscheidende Zauber eines Stückes, das am Samstag im Grenzlandtheater Aachen seine umjubelte Premiere feierte: „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran” von Eric-Emmanuel Schmitt hat als „dramatischer Text” außergewöhnliche Qualität.

In der Inszenierung von Paul Bäcker, der zusammen mit Ehefrau Annette auch Übersetzer (nicht nur) dieses Werkes des Franzosen ist, schwingen tiefes Verstehen und genau jene unwiderstehliche Anziehungskraft mit, die den Jungen Moses, genannt „Momo”, immer wieder zu dem weisen stillen Ibrahim und dessen philosophisch-moslemischer Lebenseinstellung zieht. Er schenkt Momo das Schönste im Leben: Geborgenheit, das Bewusstsein, geliebt zu werden und die Fähigkeit, Glück zu empfinden.

Ohne Pause

Auf der Bühne steht in Aachen nur ein einziger Schauspieler - Volker Risch. Er ist es, der die Zuschauer von Anfang an mitnimmt in Momos Welt und diese in allen Schattierungen funkelnde Geschichte mit Leben erfüllt.

Nicht allein die lockere Natürlichkeit, mit der Risch die enorme Textmenge sprachlich hervorragend in 100 Minuten ohne Pause bewältigt, ist atemberaubend. Man spürt auch seine emotionale Verbindung zum Sinn des Stückes.

In der Regie von Paul Bäcker werden Charme und Witz, Traurigkeit und Tiefe durch schlüssige Bewegungsabläufe lebendig, glaubt man, in den erzählten Dialogen wirklich den Jungen und Ibrahim zu hören, erlebt die Stufen der Annäherung, die heiteren und tragischen Episoden - zum Beispiel die abenteuerliche Fahrt mit dem neuen Wagen.

Eine leichte Veränderung der Haltung, eine Kopfbewegung, eine Geste, ein Blick, eine Drehung genügen, um entscheidende Wirkung zu erzielen. Und wenn sich Risch nach Weise der Derwische selig im Kreis dreht, versteht man, wie sich der Junge Momo bei dieser Erfahrung gefühlt hat.

In seinem variablen Bühnenbild lässt Charles Copenhaver dem Geschehen Luft und Raum, sorgen kleine Toneinspielungen vom Schrei der Möwe bis zum sentimentalen Chanson und eine optimale Lichtregie (Stephan Josephs) für fließende Szenenwechsel.

Wie ein surreales Gemälde erscheint etwa der rot getönte Raum der tanzenden Derwische, weiß und überirdisch strahlt kühles Licht im Moment von Ibrahims Tod.

Besonderer Abend

In Hemd, Hose, Kittel und Hosenträgern (Kostüme Heike M. Schmidt) durchlebt Risch alle Phasen dieser für Momo und Ibrahim gleichermaßen beglückenden Freundschaft, fährt sich immer wieder durchs wirre Haar, lächelt verschmitzt und zeigt, dass das Staunen kein Alter kennt. Nach Bäckers Inszenierung kann man sich kaum einen intensiveren Akteur in dieser Rolle vorstellen.

Langer kräftiger Applaus, das Publikum erhebt sich spontan von den Plätzen und dankt für einen besonderen Theaterabend.