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Bayreuth: Wagner, Nazis, Strapse und der Bundestag

Bayreuth : Wagner, Nazis, Strapse und der Bundestag

Nach dem ersten Akt schien sich ein Unwetter im Zuschauerraum zusammenzubrauen. Am Ende trafen nur den Dirigenten ein paar Buh-Rufe. Der Unmut, den Christoph Schlingensief bei seinem Bayreuther Debüt einstecken mussten, blieb dem norwegischen Regisseur Stefan Herheim erspart.

Allerdings verlangte dessen „Parsifal” zum Auftakt der 97. Wagner-Festspiele dem Publikum so viel Kraft ab, dass die Energiereserven nach sechseinhalb Stunden für nennenswerte Proteste nicht mehr ausreichten.

Bilder- und Ideenflut

Nicht nur, dass Herheims Bilder- und Ideenfluten den Geist mitunter mehr beschäftigen als das Ohr. Ausgerechnet Maestro Daniele Gatti schlägt so langsame Tempi an, als wollte er die Extremmarken von James Levine noch unterbieten. Die Bedeutungsschwere will sich aber nicht einstellen, wenn es dem Dirigat (noch) an Inspiration fehlt und es sich in altmodischem Pathos erschöpft.

Der Schlingensiefschen Seelenwanderung folgt eine Herheimsche Zeitreise. Parsifals Suche nach Gral und Erlösung verknüpft der Norweger mit der Geschichte der Festspiele.

Das meiste spielt sich im Szenario der Villa Wahnfried oder des Festspielhauses ab, der Gralstempel des ersten Akts ist der Kulisse aus der Uraufführung aus dem Jahre 1882 nachgebildet.

Beeindruckende Bilder von Heike Scheele, die durch eine raffinierte Lichteregie (Ulrich Niepel) und etliche Videoeinblendungen noch an Aussagekraft gewinnen. In der Gründerzeit beginnend, schließt der 1. Akt im wilhelminischen Weltkrieg.

Klingsors Zauberburg entpuppt sich als Lazarett der Kriegsversehrten, das letztlich von den Nazis eingenommen wird. Trümmerfrauen räumen zum Karfreitagszauber des 3. Akts das Festspielhaus auf, und der lebensmüde, noch dazu von einem Misstrauensantrag gepeinigte Amfortas darf endlich im Bundestag sein Lebenslicht aushauchen.

Die letzte Enthüllung zeigt den Gral als bühnengroße Weltkugel, über der eine Friedenstaube leuchtet. Gurnemanz und Kundry, eng umschlungen mit Parsifal-ähnlichem Nachwuchs, schauen ergriffen zu. Eine Art „Götterdämmerungs”-Finale mit gutem Ausgang.

Friede, Freude, Eierkuchen? „Erlösung dem Erlöser” - was Wagner mit diesem mysteriösen Schlusssatz gemeint haben könnte, vermag auch Herheim nicht zu lösen.

Parsifal ist für ihn die Chiffre aller vermeintlichen „Erlöser”, die Deutschland und den Rest der Welt retten wollten. Mit den bekannten Erfolgen. Er erscheint denn auch in unterschiedlichen Altersstufen, erschießt sich sogar selbst, bevor er wieder aufersteht, geistert wie ein Untoter durch die Geschichte.

Den Bogen überspannt Herheim, indem er diese Problematik noch mit den Zwistigkeiten des Wagner-Clans und den ödipalen Problemen des Komponisten verknüpft und die Titelfigur mit Zügen Wagners und des Gekreuzigten vermischt,

Da wird das Spiel zum Suchrätsel und lenkt von der Musik ab. Und wenn Klingsor dem Treiben in Frack und Strapsen zusieht, wird der „Parsifal” zu einer „Rocky-Horror-Picture-Show”.

Dafür kommt Gatti mit den akustischen Besonderheiten des Hauses erstaunlich gut zurecht und bringt das wie immer zuverlässige Festspielorchester warm und leuchtkräftig zum Klingen.

Gesungen wird auf dem derzeit in Bayreuth üblichen Niveau, also eher bescheiden. Ausgerechnet ein Koreaner, Kwangchul Youn als Gurnemanz, singt mit seiner vorbildlichen Artikulation als einziger textverständlich.

Christopher Ventris präsentiert einen verlässlichen Parsifal mit kleiner, nicht besonders markanter Stimme. Mihoko Fujimura, die als Waltraute und Fricka Triumphe in Bayreuth feierte, kommt als Kundry mit den Höhen der Partie gar nicht zurecht und vermag auch mit den erotischen Dimensionen der Partie wenig anzufangen.

Doch was wären die Festspiele ohne die grandiosen Chöre? Die zeigen auch, dass Herheim nicht immer richtig liegt: So schön wurde im Bundestag nie gesungen.