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Aachen: „Von Menschen und Mäusen“: Wiggers inszeniert modernen Klassiker

Aachen : „Von Menschen und Mäusen“: Wiggers inszeniert modernen Klassiker

Wie nähert man sich heute dem vielfach beschworenen Traum vom besseren Leben, dem „American Dream“, der Kraft, selbst in Staub und Elend weiterzumachen, Opfer zu bringen, das kleine Glück im Blick zu halten, vom Tellerwäscher oder simplen Arbeiter zum Millionär aufzusteigen — auch bei knurrendem Magen, um dann doch wieder schmerzlich zu scheitern?

„Von Mäusen und Menschen“ („Of Mice and Men“) ist eines der bekanntesten Werke von Literaturnobelpreisträger John Steinbeck, 1937 erschienen, gespeist aus selbst erlebtem Elend, sozialkritischem Blick auf die Lebensverhältnisse der Armen und dennoch großem Hoffen.

Für das Grenzlandtheater Aachen hat sich Regisseur Ulrich Wiggers den modernen Klassiker genauer angesehen und eine Entscheidung getroffen: In seiner Inszenierung, die jetzt Premiere hatte, bleibt alles wie es eben ist (oder war) und von Steinbeck gezeichnet wurde — das harte Leben der Farmarbeiter, die Ausbeutung, die verknöcherten Moralvorstellungen, der verächtliche Umgang mit Behinderten, ob körperlich oder geistig.

Da greift „Mann“ bei Konflikten eben zum Spaten, zur Pistole oder zur Whisky-Flasche, fliegen die Fäuste und fertig. Im staubig-hölzernen Bühnenbild von Leif-Erik Heine ist wenig Raum für Behaglichkeit. Harte Schlafstellen, dürre Strohsäcke, grobe Bretter, über die ein Trupp aus Männern stampft, die schuften und fluchen. Das sind Bilder mit fester Aussage.

Dort hinein kommen zwei, die auffallen, weil sie einen anderen Umgang miteinander zeigen: Lennie, ein kräftiger, gutmütiger Typ, der geistig zurückgeblieben ist, und George, der schlau beider Leben als Wanderarbeiter zu organisieren versucht, um später mit den gesparten Löhnen einmal selbst eine kleine Farm zu betreiben.

Er überschätzt sich dabei, hadert mit der übernommenen Verantwortung, hat die Rolle als Gutmensch längst satt und scheitert. Lennie kann die starken Hände nicht von allem Weichen lassen — erst eine Maus, dann ein Hündchen, schließlich eine Frau . . . „Ich hab' ihr doch nichts getan. Hab' sie nur gestreichelt. Da is' doch nichts dabei“, ist sein hilfloses Geständnis der Tat.

Regisseur Wiggers versucht gar nicht erst, diese Figuren in eine nähere Zeit zu transferieren, sie etwa in eine Gegenwart zu ziehen, der Diskriminierungen noch immer vertraut sind. Das ist so ein bisschen wie in einem alten Western, bei dem man auch nicht alles hinterfragt.

Was bleibt, ist die zeitlose menschliche Tragödie. Das Publikum schätzt das, spendet sogar Zwischenapplaus. Pablo Sprungala ist ein lebhafter, nervöser George mit hartem Blick, der schnell erkennt, dass ihn die Situation längst überfordert. Ein Charakter, der unruhig zwischen Kalkül und Gefühl schwankt. Stark und empfindsam setzt Sprungala die Schlussszene um, in der sich George zum Freundschaftsdienst durchringt — bitter, ein Schuss in den Nacken des ahnungslosen Lennie als Rettung vor drohender Lynchjustiz.

Timo Hübsch lebt mit staunenden, runden Augen als geistig zurückgebliebener Lennie die kindlichen Sehnsüchte, die sich die anderen nicht eingestehen möchten. Er ist rührend, zugleich aber durch seine Fixierung auf Freund George gefährlich und gefährdet, jederzeit gewaltbereit. Trotz muskulöser Arme entspricht Hübsch allerdings nicht so ganz dem Rollenbild vom „Riesenbaby“ oder vom naiven Kraftprotz, wie ihn Steinbeck gezeichnet hat.

Und da sind noch die anderen Männerschicksale, die aufeinanderprallen: der elende Candy, der bei einem Arbeitsunfall eine Hand verloren hat und als Gnadenbrot den Dreck wegmachen darf, sehr anrührend verkörpert von Urs-Werner Jaeggi. Als er von Georges Plänen erfährt, blüht die alte Sehnsucht noch mal auf, der „American Dream“ ist eben nicht zu ersticken.

Einem aufbrausenden nach vorne stürmenden Carlson gibt Fabio Piana tückische Dynamik, Sprunghaftigkeit und die Gewaltbereitschaft eines Mitläufers.

Bastian Sesjak spielt den Arbeiter Whit, der einfach so mitmacht und immer ängstlich darauf bedacht ist, nicht aufzufallen und schnell hinterherläuft, wenn es ans Menschenjagen geht.

Stephen Appleton ist Crooks, der hinkende Schwarze, der in der Rangfolge ganz unten rangiert. Er gibt der sperrigen Figur Intensität. Schön die Szene zwischen ihm und dem naiven Lennie, eine kindliche und vorurteilsfreie Annäherung, ein kurzer Moment der Menschlichkeit — aber nur, weil Lennie so ist, wie er ist.

Etwas blass erscheinen die Chefs: Gernot Schmidt setzt den Farmbesitzer korrekt und stramm um, Jan Stapelfeldt gibt Curley, dem Sohn des Hauses, gefährliche, bissige Unsicherheit. Er stürmt meist auf der Suche nach seiner Ehefrau durch die Unterkunft der Arbeiter und verbreitet schlechte Stimmung. Keine tolle Rolle — aber das macht er gut.

Corinna Pohlmann hat als einziges weibliches Wesen — Curleys Frau — die undankbare Aufgabe, die Männer im luftigen Kleidchen aufzumischen, Lennie zu verlocken und ein unglückliche Frauenschicksal samt irrwitziger Träume von Hollywood und Reichtum zu repräsentieren. Das wirkt plakativ — und ist wohl auch so gedacht.

Insgesamt erscheinen die Handlungsabläufe in Steinbecks Stück bei der Premiere etwas polternd, haben sich die Akteure noch nicht so richtig gefunden und agieren zwar im Moment, wenn sie an der Reihe sind, hochmotiviert, aber doch eher solistisch.

Bühnenbildner Heine, der auch für die Kostüme gesorgt hat, kleidet die Gestalten in schmuddelig-abgerissene Hemden und Hosen. Die „Herrschaft“ darf feinen Zwirn tragen. Dennoch: Alle Träume zerplatzen, der Petticoat des Rosenkleids bauscht sich um die schlanken Beine der toten Frau, das braun-weiße Bündelchen Hund ist begraben. Lennie nimmt einen leuchtenden Traum vom kleinen Paradies mit in den Tod, George muss weiterleben...

Herzlicher Applaus für das gesamte Ensemble und Regisseur Wiggers, der einen puren John Steinbeck auf die Bühne gebracht hat.