Aachen: Vom Sams und einem unsichtbaren Hund

Aachen: Vom Sams und einem unsichtbaren Hund

Es ist frech, es hat rote Haare, eine Schweinenase, blaue Punkte und trägt einen Taucheranzug — kaum jemand, der nicht wüsste, dass es sich nur um das Sams handeln kann. Es ist die bekannteste Figur, die der Kinderbuchautor Paul Maar geschaffen hat, die Kinder seit mehr als 40 Jahren mit Witz, Wortspielen und Reimen für das Lesen begeistert und seinen Ziehvater Herrn Taschenbier manchmal fast in den Wahnsinn treibt.

Kurz vor seinem 80. Geburtstag am 13. Dezember lässt Paul Maar das Sams in „Das Sams feiert Weihnachten“ erneut ein Abenteuer erleben. Im Gespräch mit Rebecca Brockmeier erzählt der gut gelaunte Autor, der auf Lesetour in Aachen Halt macht, wie das Sams zu seinen blauen Punkten kam, wie er von einem Mädchen quasi erpresst wurde, damit er noch ein Buch schreibt, und verrät, ob er privat genau so gerne reimt wie in seinen Büchern und ob es bald ein neues Buch von ihm geben wird.

maarmja13 09.10.2017 Paul Maar / Autor / Sams Foto: Michael Jaspers

Herr Maar/schön, dass wir uns heute hier treffen/um über das Sams zu sprechen.

Rote Haare, Trommelbauch, blaue Punkte und Taucheranzug — das Sams ist zurück. Foto: Oetinger, Illustration: Nina Dulleck

Reimen Sie selbst eigentlich auch so gerne wie das Sams?

Paul Maar: Ja, klar, ich reime ja für das Sams.

Reimen Sie denn auch privat?

Maar: Nicht unbedingt. Da gibt es ja wenig Gelegenheit. Ich setze mich nicht in die Küche und sage_SSRq zu meiner Frau: „Ich hoffe, bald kommt der Kaffee/sonst tut mir bald der Magen weh“ — oder so was in der Art. (lacht)

Das wäre aber lustig. Haben Sie denn einen Lieblingsreim?

Maar: Im Moment mag ich gern, wenn das Sams ein Weihnachtslied singt, denn es singt es ein bisschen falsch. Es singt nicht: „Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht“, sondern: „Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, ein Sams wacht ...“ (lacht)

Eigentlich kommt das Sams ja samstags zurück, jetzt haben Sie es in die Weihnachtszeit versetzt. Wie kam es dazu?

Maar: Das lag ein bisschen auch am Verlag. Man sagte mir: „Herr Maar, eigentlich haben alle bekannten Autoren schon einmal ein Weihnachtsbuch geschrieben. Warum schreiben Sie eigentlich keins? Haben Sie Angst, dass es zu sentimental oder zu rührselig wird?“ Ich sagte: „Naja, ich könnte mir eigentlich schon ein Weihnachtsbuch vorstellen. Und das wird bestimmt nicht sentimental und auch nicht rührselig, sondern eher ein bisschen grotesk und bizarr und lustig, weil ich nämlich das Sams Weihnachten feiern lasse. Und so war die Idee geboren.

Stichwort bizarr. Das Sams nimmt ja vieles wörtlich und kennt vieles nicht. So wie die Weihnachtsgeschichte und die Heiligen Drei Könige. Als es von deren Geschenken für das Christkind — Gold, Myrrhe, Weihrauch — erfährt, findet es die ziemlich doof . . .

Maar: Erstmal schon. Weil es sagt: „Was soll denn das kleine Kind damit? Die Könige sollen ihm lieber Milch und Haferflocken mitbringen, damit es was zu essen hat. Da sagt Herr Taschenbier: „Einer hat ja Gold mitgebracht, da können sie ja Haferflocken kaufen.“ Deswegen meint das Sams: „Stimmt, einer von den Königen war klug, der hat was Praktisches geschenkt!“

Das Sams hat dieses Mal keine Wunschpunkte, das Wünscheerfüllen übernehmen dieses Mal andere . . . können Sie da schon was verraten?

Maar: Lieber nicht. Sagen wir mal so: Das Sams sorgt dafür, dass auch zu Weihnachten ein paar Wünsche erfüllt werden.

Sie haben ja sehr oft gesagt, jetzt ist Schluss mit dem Sams . . .

Maar: Das stimmt, das geb' ich zu, ja ... (lacht)

. . . und jetzt ist doch wieder eins erschienen . . .

Maar: Ja, aber immer, wenn ich das gesagt habe, hab' ich auch daran geglaubt. Auch schon nach dem ersten Buch. Das hat einen offenen Schluss, das Sams muss gehen und Herr Taschenbier denkt, vielleicht kommt es ja nochmal an einem Samstag zurück. Das ist so ein hoffnungsvoller Ausblick. Aber dann kamen im Laufe der Zeit immer mehr Kinderbriefe. Und die Kinder schrieben: Das Sams-Buch sei ganz toll und die Reime gefielen ihnen ausgezeichnet, nur der Schluss, der gehe nicht. Ich könnte doch nicht den armen Papa Taschenbier allein zurücklassen, und ich müsste auf jeden Fall noch einen zweiten Band schreiben, in dem das Sams für immer bei Herrn Taschenbier bleibt.

Das haben Sie aber erstmal nicht getan.

Maar: Ich glaube, sieben oder acht Jahre hat es gedauert, bis ich den zweiten Band geschrieben habe. Irgendwann hatte meine Frau zu mir gesagt — und da hatte sie recht — „Weißt du, du beantwortest jeden Samstag mindestens acht bis zehn Kinderbriefe, in der Zeit hättest Du schon zwei neue Sams-Bücher schreiben können. Jetzt schreib doch endlich das eine Buch und lass es so enden, wie die Kinder es wollen. Ich hab' das Buch geschrieben, und acht Tage, nachdem das Buch in der Buchhandlung war, kam ein Brief von einem Mädchen. Es schrieb: „Hallo Paul Maar, ich hab' das neue Sams-Buch gelesen, es hat mir sehr gut gefallen, bitte teilen Sie mir mit, wann der dritte Band erscheint.“ (lacht)

Der Schuss ist ein bisschen nach hinten losgegangen . . .

Maar: Ja, das ging dann immer so weiter und jedes Mal hab' ich mich breitschlagen lassen. Aber gut, wenn die Kinder das unbedingt wollen . . . Es kommen auch oft wirklich witzige Briefe. Ein Mädchen schrieb: „Lieber Paul Maar, wenn jetzt kein neues Sams-Buch kommt, dann weine ich!“ — mit Ausrufezeichen!

Das nennt man Erpressung:

Maar: Ja, stimmt. Aber man kann ja ein Mädchen nicht weinen lassen.

Das heißt, Sie haben Ihren Lesern mal wieder einen Wunsch erfüllt, dieses Mal zu Weihnachten.

Maar: So ist es.

Im neuen Buch trifft das Sams alte Bekannte wieder. Natürlich Frau Rotkohl, aber auch Herrn Mon, und der Kaufhausbesitzer Herr Rudolf Rudolf ist auch endlich mal wieder dabei. Was können Sie noch über das neue Buch verraten?

Maar: Das Sams hat keine Ahnung, was es sich unter Weihnachten vorzustellen hat. Es fragt Herrn Taschenbier ein bisschen naiv: „Weihnachten, weint man da oder trinkt man da Wein?“ Herr Taschenbier sagt: „Stell dich nicht dumm. Du weißt: Weihnachten ist eine geweihte Nacht. „Ah ja“, sagt das Sams, „mit Geweih“. (lacht) Es hat wirklich keine Ahnung. Man muss sich das so vorstellen wie ein syrisches Kind, das nach Deutschland kommt und zwar weiß, was Ramadan ist, aber von Weihnachten noch nie gehört hat. Das hat sicherlich die gleichen Fragen wie das Sams.

Was will das Sams noch wissen?

Maar: Herr Taschenbier erzählt, wie das Christkind in die Krippe gelegt wird. „Was ist denn das?“ „Das ist ein Futtertrog“, sagt Herr Taschenbier. Da sagt das Sams: „Das ist doch unhygienisch. Die können doch nicht das Kind da reinlegen. Und dann kamen da noch diese Hirten mit ihren schmutzigen Schuhen. Haben die sich denn die Schuhe abgeputzt?“ „Darüber steht nichts in der Bibel“, sagt Herr Taschenbier.

Sollen die Kinder beim Lesen auch was lernen? Vielleicht auch Kinder, zum Beispiel aus Syrien, die hier Zuflucht gesucht haben?

Maar: Ich dachte nicht unbedingt an syrische Kinder. Aber es wäre vielleicht gut, wenn Eltern ihren Kindern die Weihnachtsgeschichte erzählen. Denn ich habe das Gefühl, dass viele Kinder überhaupt keine Ahnung haben, was da eigentlich gefeiert wird.

Was können die Kinder grundsätzlich lernen vom Sams?

Maar: Ich muss sagen, dass ich Bücher nicht mit pädagogischem Hintergedanken schreibe, weil die Kinder das merken, wenn der erhobene Zeigefinger oben aus dem Buch herausschaut. Aber natürlich kann man ihnen auf charmante oder komische Weise etwas vermitteln. Das Sams verhilft dem schüchternen Herrn Taschenbier zu etwas mehr Lebensfreude und Selbstbewusstsein. Das können die Kinder vom Sams lernen.

Können Sie nochmal die Geschichte erzählen, wer das Vorbild für Herrn Taschenbier war?

Maar: Meine eigentliche Hauptfigur — zumindest beim ersten Sams-Buch — war nicht das Sams selber, sondern Herr Taschenbier. Mein Vater hatte ein kleines Baugeschäft und hatte einen Angestellten im Büro bei uns im Wohnhaus. Ich sah ihn jeden Morgen, wenn er zur Arbeit kam. Und er war genauso wie ich Herrn Taschenbier geschrieben habe: sehr angepasst, hat nie widersprochen, hat nie jemanden angesprochen. Als Kind habe ich gedacht, ach Mann, wenn ich dem doch ein bisschen Lebensfreude vermitteln könnte. Zumal er zu Kindern einen Draht hatte. Er war derjenige, der mich zur Seite genommen hat und gesagt hat: „Paul, ich geb' dir einen Rat: Du musst an die Kunstakademie. Das Geschäft von deinem Vater soll dein Bruder nehmen, der ist handwerklich eh begabter als du. Du schreibst und entwickelst Geschichten und gehst an die Kunstakademie. Aber sag nicht deinem Vater, dass ich das gesagt habe, sonst schimpft der wieder.“

Später haben Sie sich also an ihn erinnert . . .

Maar: Ja, genau. Als erwachsener Autor hab' ich ihm ein Sams zur Seite gestellt, das ihm zu mehr Lebensfreude verhilft, weil es alles verkörpert, was er nicht hat. Er ist schüchtern, das Sams ist frech, er ist ängstlich, das Sams ist mutig, er spricht niemanden an, das Sams quatscht jeden an, und er lernt gewissermaßen vom Sams und wird ein bisschen anders. Das war die Grundidee vom ersten Buch.

Und weil dieser Angestellte Ihres Vaters Sie damals ermutigt hat, Ihren Weg als Autor und Illustrator zu gehen, hatten Sie eine besondere Beziehung zu schüchternen Menschen und wollten einen solchen in den Mittelpunkt stellen. Kann man das so sagen?

Maar: Das ist ein Hintergrund. Der zweite ist, dass ich mich mit „meinem“ Herrn Taschenbier als Jugendlicher so gut verstanden habe, weil ich selber extrem schüchtern war. Alle anderen hatten schon eine Freundin — ich hatte mich immer noch nicht getraut, ein Mädchen anzusprechen. Das hat sich dann im Laufe meines Lebens geändert. Vor allem durch meine Autorenlaufbahn. Wenn man vor mehreren Hundert Menschen vorliest und merkt, dass man gut ankommt, bekommt man auch mehr Selbstvertrauen, und die Schüchternheit verschwindet.

Das hatte ich mich gefragt, als ich von Ihrer Schüchternheit las: wie Sie es wohl geschafft haben, sie abzulegen. Sie hatten ja schließlich kein Sams. Hätten Sie sich eins gewünscht?

Maar: Das wäre sicherlich manchmal einfacher gewesen. Vor allem in unserer Studentenzeit. Da hätte ich mir wahrscheinlich ganz unverschämt vom Sams Geld gewünscht, damit ich meine Miete bezahlen kann und nicht immer so viele Jobs nebenher machen muss. Aber es ging auch so.

Die Logik, nach der das Sams erscheint, ist in sich völlig einleuchtend: Am Sonntag scheint die Sonne, Montag kommt Herr Mon, Dienstag hat Herr Taschenbier Dienst, Mittwoch ist die Mitte der Woche, Donnerstag donnert es, Freitag hat Herr Taschenbier frei, und Samstag kommt das Sams. Wie ist Ihnen der Einfall gekommen?

Maar: Das weiß ich selber nicht genau. Ich wusste, das Sams kann Wünsche erfüllen und habe überlegt, wie so eine fantastische Figur auftauchen könnte. In der Literatur gibt es ja viele solcher Figuren, ein Beispiel ist Pinocchio, der geschnitzt wird. Ich dachte, ich muss was Neues erfinden. Und weil ich so nah an der Literatur und am Wort bin, könnte die Figur aus Worten entstehen. Also in dem Fall die Wochentage. Und weil das Sams Samstag kommt, kam ich eben auch auf den Namen. Das hat sich den Kindern sehr eingeprägt.

Dass das Sams blaue Punkte bekommen hat, war aber Zufall . . .

Maar: Es war tatsächlich so, dass es ein Versehen war. Eigentlich hatte ich Sommersprossen malen wollen, hatte aber noch blaue Farbe am Pinsel.

Dass Sie das Sams erfunden haben, ist schon mehr als 40 Jahre her. Seitdem lesen Sie Kindern aus den Büchern vor. Lachen die eigentlich immer noch an den gleichen Stellen, oder hat sich das verändert?

Maar: Nein, überhaupt nicht, und das ist das Erfreuliche. Die Kinder sind eigentlich ganz anders als früher. Sie lesen weniger, fast nur noch die Mädchen, viele beschäftigen sich mit ihren Smartphones. Aber wenn ich aus dem Sams vorlese, gibt es an denselben Stellen die gleichen Reaktionen wie vor 30 Jahren. Oft kommen Eltern zu mir und erzählen, „Herr Maar, als ich acht war, war das mein Lieblingsbuch, und jetzt lese ich es gerade meiner zehnjährigen Tochter vor, und die ist genauso begeistert wie ich damals“.

Was sind die Stellen, an denen die Kinder am meisten lachen?

Maar: Es sind die Wortspiele und die Sams-Reime und wenn es Dinge wörtlich nimmt.

Arbeiten Sie denn eigentlich schon an einem neuen Buch?

Maar: Ja, das tue ich. Ich verrate Ihnen, wie das neue Buch heißen wird: „Snuffi Hartenstein“. Snuffi ist ein Hund, und der einzige unsichtbare Hund, der einen Namen hat. Die Idee dazu stammt eigentlich gar nicht von mir. Ich habe vorletztes Jahr in Frankfurt auf der Buchmesse vorgelesen. Da kam die Rede darauf, dass manche Kinder unsichtbare Freunde haben. Eine Frau erzählte, dass sie für den unsichtbaren Freund ihres Sohns immer einen Teller auf den Tisch stellt. Andere Eltern erzählten, ihr Sohn hätte einen Hund. Manche machten sich Sorgen deswegen. Aber ich sagte, dass ich gelesen hatte, dass das ein Zeichen für eine besondere Fantasiebegabung ist und die meisten ihre unsichtbaren Freunde in der Pubertät auch wieder wegschicken. Da meldete sich eine Frau aus dem Publikum und fragte: „Und wohin gehen die dann?“ Und ich sagte: „Danke, jetzt haben Sie mir eine sehr schöne Idee für ein neues Buch gegeben.“

Und dann beginnt die Geschichte?

Maar: Ich hatte mich gefragt: Was passiert, wenn ein Kind seinen unsichtbaren Hund, seinen Snuffi Hartenstein, wegschickt? Und so beginnt die Geschichte mit einem Hund auf einem ganz weißen Blatt. Er fragt sich: Wo bin ich jetzt eigentlich? Hier ist ja gar nichts. Wo soll ich jetzt hin? Dann hat er die Idee: Dieser Junge hat mich sich vorgestellt. Jetzt stelle ich mir mal einen Weg vor. Und schon sieht man auf dem nächsten Blatt einen Weg. Unterwegs trifft er noch einen anderen Hund, der weggeschickt worden ist, und dann entwickelt sich die Geschichte . . .

Werden Sie die Geschichte auch selbst illustrieren?

Maar: Nein, ich habe zwar genau vorgegeben, welches Bild wo stehen soll, aber gezeichnet werden die Bilder von Sabine Büchner, die schon ein Buch von mir illustriert hat.

Wann können wir die Geschichte lesen?

Maar: Im Herbst nächsten Jahres.

Haben Sie eigentlich einen Wunsch, den Sie sich gerne erfüllen wollen?

Maar: Ich habe einen ganz kleinen Wunsch zu meinem Geburtstag. Ich wünsche mir ein neues Handy, das mehr Speicherplatz hat. Immer wenn ich eine WhatsApp mit einem Foto oder einem Video empfange, sagt mir mein Handy, dass ich zu wenig Speicherplatz habe, und ich kann es nicht öffnen. Das wünsche ich mir von meinen Kindern zum Geburtstag.