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Aachen: Vom Kontakt über den Tauschring zum Ringetausch

Aachen : Vom Kontakt über den Tauschring zum Ringetausch

Mike Hüftle suchte eine Wohnung, Simone Brütting einen Mitbewohner, der auch in Haus und Garten hilft. Über einen Tauschring fanden sie zusammen - und tauschten anderthalb Jahre später die Ringe.

Sind die Öcher Talente gar kein Tauschring, sondern eine gut getarnte Kontaktbörse? „Nein”, lacht Mike Hüftle, „wir sind ein Einzelfall.”

Normalerweise wird bei den Öcher Talenten so ziemlich alles zwischen Kuchen und Kurierfahrten gehandelt. In der Regel nicht direkt zwischen zwei Tauschpartnern, sondern gegen die Währung „Klümpchen” (zwei Klümpchen = ein Euro). Auf Mitgliederkonten werden die gut geschrieben oder abgebucht, je nach Wert der Ware oder Dienstleistung.

Einen Eindruck davon, was in dem Miniatur-Wirtschaftssystem der „Talente” kursiert, gewinnen die Besucher des vierteljährlich stattfindenden Markttags: Nr. 469 hat Äpfel mitgebracht, Nr. 488 bietet Deko an, aber auch Babysitting oder Zaubervorstellungen bei Kindergeburtstagen. „Die Äpfel nehm´ ich mit”, sagt die Nr. 488, hinter der sich Sabine Voeltz verbirgt, kurz entschlossen. Drei Klümpchen will die Nr. 469, Kurt Lennartz, für ein Kilo haben.

Wem das Angebot auf dem Markttag nicht reicht, der wird in der Marktzeitung schlauer: „Pflanzengießen strikt nach Anweisung”, „täglich warme Mahlzeiten bei mir zu Hause”, aber auch Hilfe bei der Kindererziehung werden geboten; gesucht werden „Nachhilfe zum Führerschein”, Hilfe „für Erdarbeiten und andere Arbeiten rund ums Haus” oder Tüftler, die sich mit streikenden Spülmaschinen auskennen.

Tauschringe wie die „Talente” gibt es in Deutschland viele - im näheren Umkreis beispielsweise in Jülich, Köln, Bonn, Troisdorf und Leverkusen. Entweder wird eine eigene Währung wie die Klümpchen verwendet oder Zeitkonten angelegt. Aber nicht jeder Tauschring hält sich so lange und erfolgreich wie der Aachener. 1995 gegründet, umfasst er rund 150 aktive Mitglieder. Zwischenzeitlich waren es einmal an die 500, wodurch sich auch die hohen Mitgliedsnummern von Sabine Voeltz und Kurt Lennartz erklären.

Nach einer Bereinigung der Kartei hat sich die Zahl bei 150 eingependelt. „Das ist eine gesunde Größe, um ein ausreichend breites Spektrum von Angebot und Nachfrage zu haben”, sagt Mike Hüftle, der seit zwei Jahren Vorsitzender ist. Er war bereits vor seinem Umzug nach Aachen, in Stuttgart, in einem Tauschring aktiv.

„Klar kommen über eine solche Gemeinschaft auch Freundschaften und Bekanntschaften zustande”, sagt er. Die meisten Mitglieder seien aus aber idealistischen Gründen dabei, seien mittleren Alters und alternativer angehaucht. Sie stammten aus Aachen, Vaals, Eupen oder Kerkrade. Zwischen 700 und 800 Tauschkontakte kommen pro Jahr zustande.

Von solchen Dimensionen kann der Jülicher Tauschring „Knöllchen 2000” nur träumen. „Es tut sich wenig”, bedauert die Vereinsvorsitzende Waltraud Cewe. 30 Mitglieder zähle der Tauschring, davon zehn aktive. Viele hätten sich ihre Dienste zu hoch bezahlen lassen, das hätte abgeschreckt. 48 Rurtaler, die Nachfolgewährung der „Knöllchen” und 1:1 in Euro zu übersetzen, für eine Stunde Nachhilfe seien einfach unangemessen.

Außerdem fehle eine wesentliche Stütze: Verwaltungskosten hätte zu Anfang das Agenda-2010-Büro der Stadt Jülich übernommen und für den Ring geworben. Seit dessen Schließung sei der Verein auf sich gestellt. „Uns fehlen vor allem handwerklich begabte Männer”, sagt Waltraud Cewe mit Blick auf die große Nachfrage nach Fliesenlegen oder Gartenarbeiten. Eine Gefahr, dem Handwerk das Wasser abzugraben, sieht Waltraud Cewe nicht. „Wir kommen uns nicht ins Gehege. Das sind nur kleine Arbeiten, die geleistet werden”, sagt sie. Von kommerzieller Arbeit oder gar Schwarzarbeit könne keine Rede sein.

Die Handwerkskammer Aachen rät allerdings zur Vorsicht. Denn zwischen Nachbarschaftshilfe und gewerblichen Dienstleistungen gibt es eine klare Trennlinie: „Wenn beispielsweise Heizungslüftungsarbeiten angeboten werden oder das Verputzen eines ganzen Hauses, geht das über kleinere Handreichungen hinaus”, sagt der Justiziar der Handwerskammer, Georg Stoffels

Vorsicht bei größeren Arbeiten

In diesen Fällen schreibe das Gewerbe- und Handwerksrecht eine Registrierung beim Gewerbeamt und bei der Handwerkskammer vor, für die Arbeiten müsse eine Rechnung ausgestellt und die Umsatzsteuer gesondert ausgewiesen werden. Bisher seien der Handwerkskammer aber keine Klagen zu Ohren gekommen. Und in einer Ehe wie der von Mike und Simone, sind gegenseitige Dienstleistungen eh steuerfrei.

Nächste Veranstaltungen der Öcher Talente

Die Öcher Talente treffen sich jeden zweiten Montag im Monat ab 20 Uhr im Café Orientexpresso, Templergraben 46 in Aachen, zum Stammtisch. Der nächste Markttag findet am Freitag, 14. Dezember, in Form eines Weihnachts-Markttags im Welthaus, An der Schanz 1 in Aachen, statt.

Das Büro im Welthaus ist immer donnerstags zwischen 10 und 12 sowie zwischen 17 und 19 Uhr geöffnet und unter 0241/8891414 zu erreichen.