1. Kultur

Bonn: Vom Jugendknast auf die Theaterbühne

Bonn : Vom Jugendknast auf die Theaterbühne

Der Ersatzspieler unkt, dass sein Teamkamerad aus zwei Metern Entfernung nicht einmal einen Möbelwagen treffen würde. Daraufhin platzt dem Manager der Kragen: Er droht dem Reservisten, dass der Masseur bald nicht mehr nur auf dem Platz in Aktion kommen werde, sondern auch auf der Auswechselbank Verbände anlegen müsse.

Die Wunden werde er dem rebellischen Mannschaftskollegen persönlich zufügen. So ist das im Fußball: Trash-Talk und Nickeligkeiten gehören halt zum Alltag. Insbesondere, wenn es um den Klassenerhalt geht.

Das Theater bietet da einige Parallelen: Beschimpfungen, Betrug und gelegentlich sogar Körperverletzung sind klassische Elemente der Dramaturgie. Auch mag es vorkommen, dass ein Schauspieler des Rauschgifthandels oder des versuchten Totschlags bezichtigt wird.

Bei der Besetzung des Stücks „Abstiegskampf - Eine zweite Halbzeit” allerdings war eine Verurteilung als Straftäter Voraussetzung: Das Ensemble, das auf der Bühne des Bonner Schauspiels agiert, besteht ausschließlich aus Häftlingen der berüchtigten Justizvollzugsanstalt (JVA) Siegburg.

Foltermord 2006

Deniz Akad ist ein Insasse des Jugendgefängnisses. Hier hat sich 2006 jener Foltermord an einem jungen Mann zugetragen, der landesweit Entsetzen hervorgerufen hat. 14 Monate später mimt der 20-jährige Akad den Team-Manager Bernd. Gemeinsam mit sieben weiteren Laienschauspielern rückt er auf einer Bank hin und her, die dem Zuschauerraum im Lampenlager frontal gegenübersteht.

Nur ein paar Meter Kunstrasen trennen ihn vom Premierenpublikum. Bernd feuert sein Team an, ruft mit seinem Handy Spielstände ab, mischt sich in Auswechslungen ein. Die letzten Minuten der Saison haben begonnen.

Viel steht auf dem Spiel für Bernd alias Akad. Der gebürtige Türke genießt Hafterleichterung und darf an dem Experiment wegen guter Führung teilnehmen. Er weiß, dass er diesmal nicht kneifen kann, wenn es unangenehm wird. Versagt er, müssen auch die anderen dafür bezahlen. Und mit der Aufwertung des Selbstwertgefühls wird es wieder einmal nichts.

Doch Akad schlägt sich gut. Schon vor dem Spiel greift er zum Mikrofon, um mit Teamkamerad Dennis Ressler den „Abstiegskampf-Rap” anzustimmen: „Elf Männer und 22 Beine, Entschuldigungen gibt es keine.” Später springt er von der Bank auf, flucht, jubelt, lacht. Genau wie der Rest des Teams verwertet er die Vorlagen von Autor Jörg Menke-Peitzmeyer und Regisseurin Marita Ragonese. Das Publikum ist angetan, einmal sogar bedankt es sich mit spontanem Applaus.

Nach 45 Minuten erfolgt der Abpfiff. Aus sportlicher Sicht wäre der Klassenerhalt gesichert, doch das multikulturelle Team hat eine bürokratische Richtlinie übersehen: Es waren fünf Nicht-EU-Ausländer auf dem Platz, erlaubt waren nur drei. Trotz eines hart erkämpften Sieges scheitert die Mannschaft - an sich selbst. Nicht so Deniz Akad, der feuchte Augen hat, als er auf das Podium zurückgeklatscht wird. Zwar gerät seine Verbeugung noch ein wenig hölzern, doch er ist mit sich und der Welt im Reinen: Endlich habe er mal etwas durchgezogen. „Obwohl das Herz schon um zwei Uhr richtig am Pochen war.”

Später, nachdem Schirmherr Wolfgang Overath einige lobende Worte gesprochen hat, genießt Autor Menke-Peitzmeyer (Jahrgang 1966) den medialen Auftrieb. Fernsehen, Radio und Printmedien - sie alle sind nach Bonn gekommen, weil renitente Jugendliche das Politikum der Stunde sind.

Die Frage, ob drakonische Strafen nötig sind, oder es nicht vielleicht doch besser ist, jungen Menschen eine zweite Chance zu bieten, beantwortet sich seiner Meinung von selbst. Dann kommt ein strahlender Deniz Akad vorbei. Er bedankt sich bei den Verantwortlichen von Theater und JVA. Auf seinem Trainingsanzug befindet sich ein Aufdruck mit den Worten „Special Player.” Wohl wahr.