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Aachen: Virtuelles Seminar erspart lästigen Weg zum Copyshop

Aachen : Virtuelles Seminar erspart lästigen Weg zum Copyshop

Einen dicken Ordner mit den Seminarunterlagen im nächsten Copyshop vervielfältigen zu lassen, sei eine Technik des 20. Jahrhunderts. Davon ist Dr. Philipp Rohde überzeugt. „Die Studenten wollen auch nicht von einem schwarzen Brett zum nächsten rennen,” meint der Geschäftsführer des Centrums für integrative Lehr- und Lernkonzepte (CiL) an der RWTH Aachen.

Seit Anfang des Sommersemesters schafft das neue eLearning-Angebot der Hochschule Abhilfe, das in Zusammenarbeit mit Microsoft realisiert wurde. Es nennt sich „L2P”, Lehr- und Lernportal, und integriert neue Angebote in das alte Campus-Office.

Jetzt ist nicht nur das Vorlesungsverzeichnis online abrufbar, zu zahlreichen Studienangeboten gibt es virtuelle Lernräume. Materialien zu 258 Veranstaltungen sind bereits verfügbar - von der Einführung in die Elementarteilchenphysik über Biblisches Hebräisch, Bergrechtlich-markscheiderische Probleme der Praxis bis zur Deutsch-Spanischen Übersetzungsübung.

Interessanterweise seien es die Philosophen und Mediziner gewesen, die das Angebot von Anfang an stark genutzt haben, meint Rohde: „Die sehen den Mehrwert und müssen sich nicht selbst um ein eigenes Angebot kümmern.” Die Bedienung sei auch für Dozenten sehr einfach, meint Rohde. „Entscheidend für die Wahl des Systems war, dass wir keine komplizierten Schulungen durchführen wollten. Es sollte idiotensicher sein.”

3,6 Millionen Aufrufe

Auch von den Studierenden ist das Angebot gut angenommen worden. Etwa 3,6 Millionen Seitenaufrufe pro Woche zählt man im Rechenzentrum, dem Kooperationspartner des CiL, „zeitweise war das mehr als bei der Internetseite der Bundesagentur für Arbeit,” so Rohde. L2P verschafft der RWTH auch einen Wettbewerbsvorteil: „Studenten achten bei der Wahl der Universitätsstadt zunehmend auf solche Dinge.”

Aachen gelte bei der Entwicklung des eLearning-Portals mittlerweile als Speerspitze in Deutschland. Ausgebaut werden soll das Angebot zu einem „virtuellen Prüfungsamt.” Denn Rohde rechnet damit, dass im Zuge der Umgestaltung der alten Diplom-Studiengänge in Bachelor- und Master-Abschlüsse der Verwaltungsaufwand auf das Fünf- bis Zehnfache steige.

An der Uni Hamburg gehe man davon aus, dass 50 neue Mitarbeiter eingestellt werden müssten, um das zu bewältigen. Allerdings soll die Plattform nicht den Besuch der Vorlesungen ersetzen: „Wir wollen nicht zu einer zweiten Fernuni Hagen werden.”

Es gibt noch ein weiteres Argument für ein solches virtuelles Lernportal. Denn das Urheberrecht erlaubt den Hochschulen im Paragraphen 52a, Zeitschriftenaufsätze und Auszüge aus Büchern einem „bestimmten abgegrenzten Kreis von Personen für deren eigene wissenschaftliche Forschung” zur Verfügung zu stellen.

Diesen Anforderungen genüge das Aachener System, meint Rohde: „Es handelt sich um eine geschlossene Benutzergruppe.” In der aktuellen Diskussion um die Reform dieses Gesetzes verlangen die Verlage hingegen, diesen „Wissenschaftsparagraphen” abzuschaffen, weil sie mit eigenen Geschäftsmodellen auf den Markt kommen wollen.

Die Hochschulen fordern aber „Open Access”: Die mit Steuergeldern finanzierten wissenschaftlichen Publikationen sollten anderen Forschern möglichst kostenlos zur Verfügung gestellt werden.

Allerdings hat ein geschlossenes Modell wie das L2P einen Nachteil: Denn der Normalbürger wird künftig auf das bisher freie Angebot an Vorlesungsskripten verzichten müssen, weil wohl immer mehr Materialien in den eLearning-Bereich abwandern werden.