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Willich: Viele stille Stars und die Lkw-Legende Titan

Willich : Viele stille Stars und die Lkw-Legende Titan

Wenn man die Fahrzeuge gesehen hat und den Museumsmitarbeitern eine Weile zugehört hat, wird die wahre Profession dieser Menschen klar: Sie sind Automobil-Archäologen, Fachgebiet Schweres.

Der Besucher erfährt die Geschichte vom Schulzahnarztwagen: Der Hanomag L 28 besitzt zum großen Teil noch die Einrichtung, mit der der reisende Dentist Generationen von Schülern die Schweißperlen auf die Stirn trieb. Nach dem Bohr-Stopp rumpelte ein Märchenerzähler und Gewürzhändler mit ihm zu Volksfesten, ein Maler hat sich mit einer wüsten orientalischen Fantasie auf den Karosserie ausgetobt.

Dann wäre da noch die Hanomag-Zugmaschine, die bis vor wenigen Jahren im Bayerischen ihren Dienst als rustikaler Schneeräumer tat - inklusive Do-it-Yourself-Feinheiten wie dieser: Zwei Tischstaubsaugerartige Schläuche ragen aus dem Fußraum hervor, ihre Düsen weisen auf die Innenseite der Frontscheibe und selbst ein Laie sieht: Serie war das in den Vierziger Jahren nicht. Klaus Rabe erklärt: „Das ist eine selbstgebaute Frontscheibenheizung.” Schließlich wollte der Mann im Schnee-Schieber auch wissen,was er da aus dem Weg räumte.

Und schließlich parkt vor der Museumstür der jüngste Dienstwagen von Klaus Rabe: Eine Mercedes-Pritschenwagen von 1972, in apartem Beigegrau gehalten und pures Understatement verströmend: Die Jungs vom Bau haben viele davon durch Überladung zu Tode geritten, der Sägewerksbesitzer auch und so manche Feuerwehr fährt ihn heute noch zum Einsatz. Historisch also? - Rabe sieht ihn auf dem Wege zum echten Klassiker und machte Platz in der Fahrzeughalle.

Stahlwerk von 1908

Klaus Rabe ist Verleger und Herausgeber dreier Fachzeitschriften für historische Traktoren, Lastwagen und Zweiräder; er hat in einem Stahlwerk aus dem Jahre 1908 eine Halle gekauft, dort den Verlag untergebracht - und nebenan residiert die Fahrzeugsammlung, die vom „Verein Nutzfahrzeugmuseum Willich, Halle 31” unter Vorsitz von Friedrich K. Nass betreut wird. In einem weiteren Trakt restaurieren Vereinsmitglieder künftige Ausstellungsstücke, aktuell in Arbeit sind unter anderem ein Büssing-Bus und ein Ford-V8-Transporter, mit dem Coca-Cola unter die Leute gebracht wurde.

Rund 30 Nutzfahrzeuge sind derzeit in der Halle zu sehen: Manche strahlen hochglanzpoliert, andere sind mit einer dicken Schicht von Staub und Rost bedeckt. Einige genießen den unumstrittenen Status einer Lkw-Legende - etwa ein roter Krupp-Titan-Pritschenlaster. Andere sind eher stille Stars: Der Kleintransporter Gutbrod-Atlas etwa - unscheinbar, aber extrem rar.

Zwei Fahrzeuge aus Aachen beherrbergt die Sammlung: Eine Leihgabe der ASEAG, ein Benz-Turmwagen, mit dem früher Oberleitungen repariert wurden. Zweiter Ex-Aachener ist der Henschel-Dreiachs-Kran, mit dem der Abschleppunternehmer Strang bis vor wenigen Jahren liegengebliebene Laster von der Straße holte.

Zum Tag der Offenen Tür am Samstag, 26. Juni, wird die Sammlung um ein Exemplar erweitert, das unter dem Arbeitstitel „Amoklauf im Lego-Baukasten” firmieren könnte: Ein Schwertransporter der Kölner Spezialfirma Colonia, der besonders lange Alu-Profile kutschierte. Damit bis auf Höhe der vorderen Stoßstange durchgeladen werden konnte, säbelte ein verwegener Fahrzeugbauer den MAN-Sattelschlepper-Aufbau ab und montierte stattdessen die Karosse eines Ford Granada Kombi.