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Viele Gründe, auf den Hund zu kommen

Viele Gründe, auf den Hund zu kommen

Aachen (an-o) - Mensch und Haustier können schon lange nicht mehr ohne einander. Besonders gut tun die "Lieblinge" aber Kindern und Senioren.

Zwar verteilen sich die 22 Millionen Hunde, Katzen, Wellensittiche oder Meerschweinchen statistisch auf nur jeden dritten deutschen Haushalt. Doch fast jedes Kind, wenn man es fragt, wünscht sich ein Tier. Und für viele ältere Menschen ist oder wäre es ein Segen, sich lieber mit "Hansi" zu beschäftigen als mit ihren Blutdruckwerten. Das hat die Wissenschaft schon längst festgestellt; es ist erstaunlich, wie wenig diese Botschaft in die Seniorenheime vordringt. Tierhaltung ist dort üblicherweise unerwünscht oder untersagt; Ausnahmen bestätigen die Regel.

Tierisch tolerant

Was Haustiere - Hunde hauptsächlich, Katzen auf andere Weise - für Menschen zu leisten vermögen, ist in der Summe pure Lebenshilfe: Sie sind Gesellen, vermitteln Lebensfreude, Behaglichkeit und Zuneigung. Sie sind soziale Anreger und Kontaktvermittler, minimieren Langeweile, lenken von Ärger ab. Sie verpflichten zu Verantwortung, sie ordnen den Tagesablauf, sie schützen und schaffen Geborgenheit. Dem Gesundheitssystem könnte es also nur gut tun, auf den Hund zu kommen.

Das gilt auf jeden Fall in therapeutischer Hinsicht. Darüber weiß in Deutschland keiner besser Bescheid als Reinhold Bergler. Der 74jährige Emeritus der Bonner Universität hatte vor rund 20 Jahren die "Psychologie der Mensch-Heimtier-Beziehungen" in Deutschland angestoßen und ist mit Büchern wie "Mensch und Hund" oder "Mensch und Katze" bekannt geworden. Professor Bergler, auch Vorsitzender des Forschungskreises "Heimtiere in der Gesellschaft", untersucht vor allem die Bedeutung von Tieren für ältere Menschen, Behinderte und Kinder in risikoträchtigen Lebenslagen, bei Scheidungen etwa.

"Hansi"-Anekdoten statt Gejammer

"Das Tier nimmt den Menschen bedingungslos an", nennt Bergler den elementaren Grund für die positive Wirkung der "Heimtiere" (um sie von Haustieren wie Pferd, Schaf, Ziege abzugrenzen). Ihr Vorhandensein im Altersheim mache eigentlich alles besser. "Auch die Heimleiter sagen, dass das Klima insgesamt besser wird, wenn Tiere da sind. Die Senioren haben wieder etwas zu tun, sie bringen den Tieren etwas bei und reden wieder miteinander." Und auch die Kommunikation mit den Familien verbessert sich. "Stell dir vor, was der Hansi heute wieder gemacht hat" statt "mein Bein wird überhaupt nicht besser". Entsprechendes gilt für Behinderte, die über einen Hund viel leichter soziale Kontakte knüpfen können als sich hilflosem Pseudo-Mitleid ausgesetzt zu sehen.

Dass Kinder in schwierigen Situationen von Tieren profitieren, ist eine Binsensweisheit. Doch "es muss schon vorher da sein. Ein Tier auf Krankenschein funktioniert nicht".

Dicker Mensch, dicker Hund

Überhaupt hat die tierische Toleranz objektive Grenzen. "Wenn Heimtiere nicht artgerecht gehalten werden, Launen ausgesetzt sind, wenn die Beziehung nicht konstant ist und die soziale Umgebung nicht mitspielt, kommen die therapeutischen Effekte nicht zustande." Fatal nicht nur für das Tier ist auch die verbreitete Über-Ernährung, die nicht selten ein Zu-Tode-Füttern ist. Bergler: "Dicke Menschen, dicke Hunde." Oder: "Der Pathologie des Tieres geht immer die Pathologie seines Besitzers voraus."

Unbedenklich hingegen seien andere Arten von Vermenschlichung. "Der Hund guckt und wedelt mit dem Schwanz, auch wenn man ihm die Zeitung vorliest." Wenn man daraus schließt "der versteht mich" sei das für den Hund kein Problem...