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Aachen: Viel zu auffällig am Zoll vorbeigerast

Aachen : Viel zu auffällig am Zoll vorbeigerast

„Ich schaute in den schwarzen Pistolenlauf. Wo die anderen Personen in dem Moment standen, habe ich nicht mehr genau in Erinnerung.” Das sei der so genannte Waffen-Focus, belehrte ein Verteidiger im Geiselnahme-Prozess den 34-jährigen Polizisten.

„Schön, dass sie mir das erklären”, meinte der Beamte, seit 16 Jahren ist er beim Bundesgrenzschutzes (BGS). Die spektakuläre Fluchtfahrt durch Aachens City mit Schüssen, Karambolagen und zwei Geiselnahmen begann an jenem 28. Juni eher zufällig.

Die BGS-Streife lauerte wie so oft am Aachener Grenzübergang Vetschau auf Drogenkuriere. 12.30 Uhr, die beste Zeit, erklärte der Zeuge, weil dann die meisten Dealer einreisen. Sie konnten nicht wissen, dass ihnen ein Quartett aus der linken Anarcho-Szene Spaniens in die Arme fuhr.

Und da sei ein „5er-BMW” gekommen. Am Steuer die zierliche Schwester eines der beiden Hauptangeklagten, die hinterher wie die Wilden in Aachen um sich schossen. Die Spanierin war einfach zu schnell über den Bereich der alten Zollstation zwischen den Niederlanden und Deutschland gebraust. 80 km/h ist hier vorgeschrieben.

Das war selbst dem Vorsitzenden der Schwurgerichtskammer, Richter Dr. Gerd Nohl, neu: „80? Wirklich?”, fragte er. Einheimische wissen es und halten sich strikt daran, weil nicht nur der BGS - und für anständige Bürger schlimmer - auch Radarpistolen manchmal dort lauern.

Viel zu schnell sei der BMW mit Karlsruher Kennzeichen gewesen, dazu vier Erwachsene im Auto, das passte ins Muster. Auf der Autobahn noch ging die Kelle raus, an der Ausfahrt Krefelder Straße folgte der BMW brav, der BGS-Van und der Pkw hielten auf dem Gelände einer nahen Tankstelle. Auch bei ersten Überprüfungen kam nichts zu Tage, keine Drogen, nichts lag vor.

„Da war aber so ein Gefühl im Bauch”, berichtete der BGS-Mann. Das täuschte nicht. Denn als er in den Rucksack des 44-jährigen José Fernández Delgado schauen wollte, blickt er plötzlich tief in den Lauf einer Waffe. Dann ging alles schnell, ein Pärchen sei als Geiseln genommen worden, der 37-jährige Gabriel Pombo Da Silva habe einen Schuss in die Tankstellendecke gefeuert. Seine Schwester Begoña wurde überwältigt, ziemlich heftig wohl. „Ich dachte, sie hätte vielleicht noch eine Waffe”, gab der Polizist entschuldigend an.