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Aachen: Viel Dynamit im verminten Ehe-Gelände

Aachen : Viel Dynamit im verminten Ehe-Gelände

Feinschmecker laden sich gern „Freunde zum Essen” ein: Italienisches Licht und lässiger Ostküsten-Charme prägen die Wohnlandschaft (Charles Copenhaver) von Karen und Gabe, die aus ihren Kochkünsten Berufe gemacht haben.

Wie eine brave Haustochter sitzt Freundin Beth mit ihnen am reich gedeckten Tisch und lauscht genervt dem neuesten Reisebericht der schwärmenden Gastgeber.

Während der liebenswürdige Gabe - immer mit Geschirrtuch in der Hosentasche - noch den Mandelkuchen mit Polenta anpreist und seine Karen dem geistesabwesenden Gast Souvenir-Sets aus Siena übergibt, bricht Beth in Tränen aus. Tom, ihr Mann, der Vater ihrer beiden Kinder, hat sie verlassen! Wegen einer anderen Frau natürlich.

Unfassbar für das symbiotische Ehepaar Karen und Gabe, ebenfalls mit (hörbarem) Nachwuchs gesegnet, dass dies ihren besten Freunden passieren muss. So beginnt das Stück des 50-jährigen Amerikaners Donald Margulies, ein mit dem Pulitzer-Preis gekröntes „Rollen-Spiel”, bei dem auch am Schluss noch offen bleibt, ob es eine Beziehungskomödie oder doch eher ein Drama ist.

Regisseur Ulf Dietrich lässt in seiner stimmigen Inszenierung die perfekte Statik von zwei eng befreundeten Ehepaaren völlig zusammenbrechen. Und der Autor gewährt trotz unterhaltsamer Boulevard-Anklänge tiefe Einblicke in offenbar fest verfugte Beziehungskisten, die durch veränderte Rollen aufgesprengt werden.

Das Publikum fühlt sich angesprochen, ist durchaus „betroffen” von den nun ausbrechenden Kämpfen um alte Bindungen, neues Glück und einen sicheren Hafen. Etwas mehr Spielfreude möchte man den Darstellern wünschen, die dieses implodierende System durchaus überzeugend präsentieren.

Von allen Seiten spiegelt der Autor die vertrackte Situation, die von jedem einzelnen Protagonisten anders gesehen wird. Halb neidisch, halb geschockt verfolgt Küchenmeister Gabe (Thomas Lang) die irritierenden Vorgänge, während Karen Toms „Fehltritt” sehr persönlich nimmt.

Heike Thiem-Schneider gibt Karens Sehnsucht und Unsicherheit starkes Profil. Der ungetreue Tom (Klaus Lehmann) fühlt sich bald von allen unverstanden, was ihn nicht daran hindert, noch einmal heißen Sex mit seiner Ex zu zelebrieren. Die gebeutelte Beth (Carmen Heibrock), einst eine exaltierte Malerin, jetzt eher frustriertes „Haus-Tier”, sorgt erneut für Dynamit im verminten Gelände, als sie sich überraschend schnell einem anderen Mann zuwendet.

Ebenso komisch wie bewegend: Gabe und Karen zimmern mit grotesken Ritualen an ihrem „For- ever”-Beziehungssarg, während die Freundschaft zwischen den beiden Frauen fast hasserfüllt beerdigt wird. Keine schönen gemeinsamen Fressorgien mehr auf der glamourösen Ferieninsel Marthas Vineyard, jeder richtet sich neu ein - in einer frisch gezimmerten oder auch nur frisch gestrichenen Beziehungskiste. Schön dissonante Farben bringt Heike M. Schmidt in die Kostüme der Midlife-Crisis-Opfer.

Das Publikum klatschte kräftig Beifall.
„Freunde zum Essen” von Donald Margulies im Aachener Grenzlandtheater, Elisen-Galerie.

Aufführungen in Aachen täglich bis 5. Dezember, 20 Uhr, danach bis 15. Dezember in der Region.

Karten unter 0241/4746111.