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Berlin: Verschollen und vergessen: Wie das deutsche Filmerbe schwindet

Berlin : Verschollen und vergessen: Wie das deutsche Filmerbe schwindet

Im deutschen Filmerbe klaffen Lücken. Von den frühen Stummfilmen fehlen drei Viertel, die ersten Filme des wichtigen deutschen Stummfilm-Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau zählen dazu, Filme wie „Die Abenteuer eines 10 Mark-Scheins” oder die Komödie „Der Theodor im Fußballtor”.

Heute ist es nicht besser. In den 90er Jahren wurde nur die Hälfte der deutschen Kinospielfilmproduktion archiviert, wie eine Studie des Deutschen Kinemathekenverbunds ergeben hat. Jetzt wird, auch anlässlich der am Donnerstag beginnenden Berlinale, der Ruf zum Handeln lauter.

„Es hat sich niemand ernsthaft für die Archivierung interessiert”, sagt Martin Koerber, Archiv-Chef in der Deutschen Kinemathek in Berlin. „Filmproduzenten sehen das als unnötige Aufgabe an, weil es Geld kostet.” Vor allem bei Kinofilmen ist das ein Problem, weil man eigentlich das Original bräuchte. Eine eindeutige gesetzliche Regelung zur Archivierung aller Filme gibt es in Deutschland nicht - anders als in den kulturpolitisch zentral regierten Staaten Frankreich und Spanien.

Der Politik ist das Thema längst bekannt. Öffentlich wurde es schon mehrere Male diskutiert. Etwas geändert hat sich 2004. In das neue Filmförderungsgesetz wurde eine Pflichtabgabe hineingeschrieben - allerdings gilt das Gesetz nur für alle vom Bund geförderten Filme. In den Ländern gibt es abweichende und sehr vielfältige Regelungen. Hinzu kommt, dass längst nicht alle in Deutschland produzierten Filme gefördert sind. Wie hoch der Prozentsatz ist, weiß keiner.

Die Grünen wagten sich im Dezember vor und brachten das Thema auf die Tagesordnung im Kulturausschuss des Bundestags. „Alle waren überrascht von unserem Vorstoß”, erzählte der Sprecher der Grünen- Filmexpertin Claudia Roth, Reinhard Olschanski. Herausgekommen ist nicht viel. „Das Ergebnis der Sitzung war: Es muss etwas getan werden, aber was konkret, wurde noch nicht gesagt.”

Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sei jetzt gefordert, sagen die Grünen. In Neumanns Büro heißt es, dass die meisten Filme von der Pflichtabgabe für geförderte Filme eingeschlossen werden. Dieses Jahr werde zudem das Bundesarchivgesetz novelliert, wobei eine Pflichthinterlegung erneut angesprochen werden solle, teilte ein Sprecher von Neumann mit. Laut Archiv-Experte Koerber müsse der Gesetzgeber eine Pflichtabgabe einfach nur wollen.

„Damit wäre auf einen Schlag das Überleben der gesamten aktuellen Produktionen gesichert.” Den schon als verschollen geltenden Filmen hilft das aber nicht mehr viel. Hier könne man nur hoffen, dass sie vielleicht in einem kleinen Privatarchiv fernab von Deutschland wiederentdeckt werden, sagt Koerber.

Pflichtabgaben für Medienwerke sind in Deutschland eigentlich nichts Neues. So sieht das Gesetz zur Deutschen Nationalbibliothek Pflichtabgaben für Bücher und in Deutschland veröffentlichte Musik vor. Im Gesetz heißt es weiter: „Filmwerke, bei denen nicht die Musik im Vordergrund steht, (...) unterliegen nicht den Bestimmungen dieses Gesetzes.” Heißt im Klartext: Nur Musikfilme müssen dem Gesetz zufolge archiviert werden. Warum nicht auch normale Spielfilme eingeschlossen wurden, weiß keiner so genau.

Problematisch ist auch die langfristige Archivierung. Im Filmförderungsgesetz wird „eine technisch einwandfreie Kopie des Films in dem gedrehten Originalformat” gefordert. Eine Kopie reiche aber nicht immer aus, meint Koerber. „Um Filme gut zu erhalten, braucht man das früheste und beste Material.” Soll heißen: Bei Filmen das Originalnegativ. Man könne zunächst eine Kopie verlangen und nach einigen Jahren das Originalnegativ, meint Koerber.

Während die Politik diskutiert, versucht die in Berlin ansässige Filmabteilung des Bundesarchivs eine eigene Initiative. Im Juni hat es eine Umfrage unter Filmproduzenten gestartet. Das Archiv möchte herausfinden, ob Filmproduzenten freiwillig ihre Werke im Bundesarchiv hinterlegen würden. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen demnächst, vermutlich nach der Berlinale, vorgestellt werden.