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Gangelt: Verfemt, verfolgt, vergessen

Gangelt : Verfemt, verfolgt, vergessen

Verfemt, verfolgt, vergessen: Erst 18 Jahre nach seinem Tod, im Jahr 1988, wurde der Aachener Maler Heinrich Maria Davringhausen (1894-1970) wiederentdeckt.

Der Direktorin des Dürener Leopold-Hoesch-Museums, Dorothea Eimert, ist es zu verdanken, dass dieser Wegbereiter der Neuen Sachlichkeit und des Magischen Realismus überhaupt wieder wahrgenommen worden ist.

1988 präsentierte sie Bilder aus der Emigrationszeit (1933-1945), 1991 das Spätwerk vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zu seinem Tod. Jetzt gibt es nach langen Jahren erneut die Möglichkeit, dem Werk Davringhausens zu begegnen - in Gangelt. Dort zeigen die Galeristen Verena und Lutz Vorbach 40 Arbeiten aus verschiedenen Schaffensphasen.

„Elektrisiert” fühlte sich Lutz Vorbach, als er bei seiner Aachener Gemälderestauratorin Eva Ma- langr? zufällig auf einen Katalog Davringhausens stieß, den er bis dato gar nicht kannte. Die Faszination für das vielgestaltige Oeuvre dieses Aachener Künstlers hat ihn seither nicht mehr losgelassen.

Ein ganzes Jahr lang hat er die Jubiläums-Schau zum zehnjährigen Bestehen der Galerie in Zusammenarbeit mit Doorothea Eimert, die den umfangreichen Nachlass Davringhausens in Düren verwaltet, vorbereitet. Zur Eröffnung am Samstag, die als geschlossene Gesellschaft veranstaltet wird, hat sich neben Davringhausens Tochter Renata auch NRW-Integrationsminister Armin Laschet angesagt - offenbar auch ein Fan des Malers.

Davringhausen teilt sein Schicksal mit einer ganzen Generation deutscher Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Mit der Flucht nach 1933, der Diffamierung und Verfolgung als „entarteter” Künstler, geriet mancher, der selbst international einen Namen hatte, vollständig in Vergessenheit.

Die chronologisch geordnete Ausstellung setzt mit frühen Por-träts von 1912 an, Landschaften und streift mit großen Arbeiten eine surreale Phase aus den Dreißigern - erotische Traumszenen in fließende Linien gegossen.

1932 siedelt Davringhausen mit seiner jüdischen Frau und den beiden Töchtern nach Mallorca über, mit dem spanischen Bürgerkrieg endet für die Familie eine schöne Zeit. Die Odyssee geht weiter über Paris, Ascona, Hauts-de-Cagnes bis ins Lager Les Milles, wo Davringhausen Max Ernst, Lion Feuchtwanger und den anderen Aachener Walter Hasenclever trifft.

Breiten Raum nehmen in der Ausstellung die fünfziger und sechziger Jahre ein, als Davringhausen in seinem südfranzösischen Atelier unter ärmlichsten Bedingungen unermüdlich malt, so als ob er etwas aufzuholen hätte - und das dringende Bedürfnis, mit der Abstraktion einen künstlerischen Neuanfang zu wagen.

Geometrische, geschwungene und schwebende Flächen voller Dynamik und Rhythmik prägen die Kompositionen - klar strukturiert, vielfach als Spiel von Positiv- und Negativ-Formen, mitunter mit einem Teppich tröpfelnder Farbe unterlegt. Apropos Farben: Davringhausen erfindet sie buchstäblich - manche lassen sich in ihrer eigentümlichen Mischung beim besten Willen nicht benennen.

Bei all dem Schaffensdrang gelang es Davringhausen nach 1945 nie mehr, an seine erfolgreiche Zeit in Köln, Berlin und München anzuknüpfen, als er das Leben eines begehrten Bohemiens führte. Else Lasker-Schüler widmete ihm 1916 ein Gedicht in der Zeitschrift „Neue Jugend”: „Zwei Nachtschatten schlaftrinken in seinem Mahagonikopf; seine Lippen küßte ein Gottmädchen hold.” Wenn das keine Bände spricht...