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Düsseldorf: Verblüffende Zeitreise in die Sechziger

Düsseldorf : Verblüffende Zeitreise in die Sechziger

Wir schreiben das Jahr 1961. Der Russe Juri Gagarin ist der erste Mensch im Weltraum. Die DDR-Regierung baut die Berliner Mauer. Und im „Cavern Club” in Liverpool tritt zum ersten Mal, in einer Mittagssession, eine junge Band auf, die sich „The Beatles” nennt.

Hier, in der Mathew Street 10, werden die Beatles in den kommenden Jahren zu Lokalmatadoren; zwischen 1961 und 1963 spielen sie 292 Mal im „Cavern Club”. Über die Leinwände, die rechts und links die Bühne im großen Saal des Capitol Theaters in Düsseldorf rahmen, flitzen Bilder aus dieser Zeit.

Alles wirkt äußerst echt

Sie zeigen den Club von außen, Plakate, die für Konzerte dort werben und die vier Protagonisten mit Pilzköpfen, schmal geschnittenen dunklen Anzügen, weißen Hemden und Krawatten. Alles wirkt äußerst echt.

Nur das Wort „Rain”, das immer wieder als Schriftzug inmitten der Bilder auftaucht, irritiert. „Rain”, so hieß eine Single der Beatles. Aber die erschien erst 1966. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber eigentlich stimmt alles. Und genau das ist der Trick, den die US-Band „Rain” bis zur Perfektion beherrscht.

Keyboarder Mark Lewis und vier weitere Musiker fanden Mitte der 70iger Jahre, als die Beatles bereits getrennt waren, zusammen. Sie einte die Liebe für die Musik der Band, die mit bisher rund 1,3 Millionen Tonträgern als eine der erfolgreichsten des 20. Jahrhunderts gilt. In den nachfolgenden Jahren verinnerlichten „Rain” jede musikalische Nuance ihrer Vorbilder. Inzwischen sind Joey Curatolo (Paul McCartney), Joe Bithorn (George Harrison), Ralph Castelli (Ringo Starr) und Steve Landes (John Lennon) ihnen auch äußerlich zum Verwechseln ähnlich. Davon konnte sich ein hingerissenes Publikum am Dienstagabend bei der NRW-Premiere von „The Beatles Experience” überzeugen.

Jedes Bild, das auf der Leinwand scheinbar die Beatles zeigt, zeigt in Wirklichkeit die Musiker von Rain. Bis die vier tatsächlich auf der Bühne auftauchen, stimmen Hits von Bill Haley, Chuck Berry und Gitte auf eine Zeit ein, als die Jugend rebellisch wurde und die Erwachsenen die Welt nicht mehr verstanden. Original-Werbe-Spots für Kaltgetränke, Gebissreiniger und Genussmittel tun ein Übriges, damit die Zeitreise ihre ganze Magie entfachen kann.

Mit „I want to hold your hand” eröffnen Curatolo und seine Mitstreiter ihre Show. In fünf Sets und einem Zugabenteil zeichnen sie musikalisch den Weg der Beatles von den frühen Jahren bis zur Auflösung 1970 nach. Erste Erfolge, der Ausbruch der „Beatlemania”, die psychedelische Ära, die Zeit von Flower Power und die letzten gemeinsamen Jahre passieren Revue. Schließt man die Augen, so kann man sich der Illusion hingeben, tatsächlich die Beatles zu hören. Für viele im Publikum ein bis dato unerreichter Genuss.

Es gibt weder einen roten Faden, noch einen Moderator, der durch die Show führt. Als Kommentar müssen die Zeitzeugnisse auf den Leinwänden genügen. „Rain” sind zugleich puristisch, minimalistisch und perfektionistisch. Alles - Gesten, Mimik und Artikulation - wird von ihnen eins zu eins übertragen. Die Bühne entspricht der Ed-Sullivan-Show am 9. Februar 1964, die Kostüme sind so, wie man sie von alten Aufnahmen und Platten her kennt, die Instrumente identisch. Alle vier sind Vollblutmusiker. Besonders die Stimme von Steve Landis, der 1997 für Jim Riddle einsprang, der damals einem Hirntumor erlag, vermag es, Schauer des Entzückens auszulösen. Er klingt in der Tat wie der junge John Lennon.

Bei „Get back” unterstützt Mark Lewis das Quartett und lässt die Tasten scheppern, dass es eine Freude ist. Stücke wie „Yesterday”, „Twist and shout” oder „Eleanor rigby”, das wunderbare, akustisch vorgetragene „Girl”, die Friedenshymne „Give peace a chance” und, als letzte Zugabe, „Hey Jude” laden zum Schwelgen, Mitklatschen oder Mitsingen ein.

Zu echten Beatles-Konzerten gibt es eigentlich nur zwei Unterschiede: Die Mädels im Publikum kreischen nicht, und niemand fällt in Ohnmacht. Was nicht ist, kann noch werden.