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Aachen: Vaters Denkmal ist grässlich zerbrochen

Aachen : Vaters Denkmal ist grässlich zerbrochen

Treffen sich zwei Esterhazys, Peter und Paul. Sagt der eine: „Sind wir eigentlich miteinander verwandt?” Sagt der andere: „Klar, aber heiraten könnten wir trotzdem noch.”

Es gibt halt derer so viele: Abkömmlinge jenes großen, unüberschaubaren österreichisch-ungarischen Adelsgeschlechts, die ihre gemeinsame Herkunft gerne mit fröhlicher Selbstironie betrachten.

Peter und Paul, das sind in diesem Fall zwei intellektuelle Exemplare der Esterhazys, deren Wege sich jetzt in Aachen kreuzten: Theater-Intendant Paul und Schriftsteller Peter Esterhazy, frischgebackener Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels.

Die Mayersche Buchhandlung hatte letzteren, drei Wochen nach der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche, zu einer Lesung eingeladen. Einen der innigsten Kenner seines Werks, Literaturkritiker Martin Lüdke vom SWR, hatte er gleich mitgebracht, um dem Publikum einerseits ein bisschen Dialogisches zu gönnen, andererseits wohl auch, um sich selbst ein wenig abzuschotten vor zudringlichen Fragen anderer.

Esterhazys Frankfurter Dankesrede ist in die Geschichte des Friedenspreises als die witzigste, ironischste und vermutlich auch geistreichste aller Zeiten eingegangen - und das bei eigentlich knallhart politischen und historischen Themen wie der wechselweisen Unterdrückung in der europäischen Geschichte.

Lüdke erinnert an Ersterhazys perfekte Art, eine solch intellektuell-anspruchsvolle Auseinandersetzung geradezu spielerisch lösen zu können. Dass ein derart eleganter Geist auf die immer wieder gerne angebrachten Hinweise auf Namens-gleichheiten zu so prosaischen Dingen wie Esterhazy-Braten, -Keulen und -Schnitten mit aristokratischer Höflichkeit reagiert, versteht sich von selbst.

So kann Lüdke die Absicht, Peter Esterhazy zu porträtieren, denn auch ganz bedenkenlos mit dem vergeblichen Versuch vergleichen, einen Pudding an die Wand nageln zu wollen. „Er ist immer in Bewegung.”

Mit gelassener Geste streicht sich derweil der Ungar die lange, graue Mähne zurück. Frisurmäßig der reinste Einstein, könnte er Physiker oder Mathematiker sein. Tatsächlich schließt er in den Siebzigern ein solches Studium ab - mit einer Diplomarbeit über „Optimale binäre Suchbäume”. Doch er wird Schriftsteller, und sein Vater verhilft ihm dabei zu weltweitem literarischem Ruhm, allerdings gänzlich unfreiwillig.

„Harmonia Caelestis” heißt der große Roman, in dem Esterhazy die Geschichte seiner Familie beschreibt. Eingeschlossen das Ende einer jahrhundertealten Dynastie mit der Enteignung und Verstaatlichung der Schlösser und Ländereien durch die ungarischen Kommunisten. Der Vater arbeitet fortan auf dem Land, schließlich als Parkettschleifer - den Adel kann ihm bei aller Demütigung dennoch niemand nehmen.

Ihm setzt Esterhazy ein literarisches Denkmal. An diesem Abend indessen liest er eine Passage aus „Harmonia Caelestis”, die unter anderem seine Kinderstreiche mit der ihm eigenen überbordenden Ironie beschreibt.

2000 der Schock: Kurz vor Abschluss seiner „Harmonia Caelestis”, nach zehn Jahren Arbeit, gewährt man Esterhazy Einblick ins ungarische Pendant zur Gauck-Behörde - was er vorfindet, sind vergilbte Agentendossiers, in denen er die Handschrift des Vaters erkennt: Unter dem Decknamen „Csanadi” hatte er über Jahrzehnte als inoffizieller Mitarbeiter an die ungarische Geheimpolizei berichtet.

Der Vater, ein Spitzel und Verräter - für den Sohn bricht eine Welt zusammen. Er bringt eine „Verbesserte Ausgabe” der „Harmonia Caelestis” heraus, eigentlich ein Nachtrag, in dem er den schweren Schlag verarbeitet...

Auf allein acht Seiten listet Esterhazy in „Harmonia Caelestis” auf, von welchen Autoren er in diesem Werk versteckt Zitate eingearbeitet hat - seine typische Arbeitsweise. Wieso eigentlich? „Ich brauche Sätze”, sagt er, wie selbstverständlich, „und ich nehme sie, wo ich sie kriegen kann.”

Die Familiengeschichte, aber auch ein spezieller Teil seiner Biographie steht im Mittelpunkt seines literarischen Schaffens. Zu Beginn liest er aus jenem 1985 erschienenen Buch, das der Suhrkamp Verlag nach dem Erfolg von „Harmonia Caelestis” neu herausgebracht hat: „Die Hilfsverben des Herzens”.

Wie dem Vater ein Denkmal, so errichtet er hier der Mutter ein Grabmal - der Roman handelt von ihrem Tod. Esterhazy liest ein unter die Haut gehend intensives Kapitel, voller peinlichst genauer Beschreibungen körperlicher Verfallserscheinungen - unsentimentale und doch traurige, auf eigentümliche Weise humorvolle, berührende Erinnerungen an die sterbende Greisin.

Das literarische Spektrum des Abends runden Absätze aus „Eine Frau” ab, raffiniert wortspielreiche, mit ironischem Pathos versehene, sehr vergnügliche Betrachtungen über das immer wieder schwierige Liebes-Hass-Verhältnis zwischen einem Mann und einer Frau.

Zum Schluss Esterhazy ganz spitzbübisch: „Ein kleines Land wie Ungarn darf sich nicht leisten, provinziell zu werden. Das können sich nur die großen wie Deutschland und Frankreich leisten!”