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Eschweiler: US-Sängerin Anastacia: Gerne noch mit 90 auf vollen Touren

Eschweiler : US-Sängerin Anastacia: Gerne noch mit 90 auf vollen Touren

Mit Hits wie „Outta Love“ und „Left Outside Alone“ will Anastacia am 4. August das Eschweiler Music Festival aufmischen. Die US-Sängerin verspricht ein Konzert, in das sich Fans schon im Vorfeld einbringen können — mit Hilfe ihrer App.

Nach überstandenen schweren Erkrankungen sprüht die 49-Jährige aus Chicago längst wieder vor Lebensmut und musikalischem Tatendrang, wie ihr aktuelles Album „Evolution“ unterstreicht. Aber auch die Zukunft des freien künstlerischen Ausdrucks ist ihr ein Anliegen, wie sie im Gespräch mit Michael Loesl erzählt.

Vor 18 Jahren haben Sie mit Ihrem Album „Not That Kind“ debütiert, und mindestens vier Jahre führten Sie als Dauergast die europäischen Bestsellerlisten an. Wie betrachten Sie Ihren damaligen immensen Erfolgsaufschlag rückblickend?

Anastacia: Es war wie ein Wirbelsturm. Ich wurde als eher kleinstädtisch orientiertes Mädel aus Chicago in diesen unglaublichen Sog, diese unfassbare Erfahrung katapultiert, die ich nur als schlicht verblüffend bezeichnen kann. Heute bin ich froh, dass ich beinahe zwei Jahrzehnte später immer noch Musik aufnehmen und Konzerte spielen kann. Es fühlt sich immer noch wie ein wahr gewordener Traum an.

Ihre Krebserkrankungen haben Ihre Karriere immer wieder vor Hürden gestellt. Aus welcher Quelle bezogen Sie die Kraft, der Musik nie abzuschwören?

Anastacia: Welche Alternative hätte ich gehabt, außer weitermachen zu wollen und zu kämpfen? Jeder Mensch, dem das Leben Hürden in den Weg stellt, braucht Zeit, um sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und für sich zu kämpfen. Ich bekam so viel großartige Unterstützung von Freunden und Fans, dass ich gar keine andere Wahl hatte, als an eine Lösung meiner Probleme zu glauben und darauf hinzuarbeiten.

Trug Musik auch zur Heilung Ihrer Ängste bei, als Sie krank waren?

Anastacia: Ja, in gewisser Weise auf jeden Fall, weil sie mich mit meinen Fans verband und mich ihnen näherbrachte. Als ich krank war, erlebte ich einen immensen Ausdruck von Liebe und positivem Denken meiner Fans, was mir enorm half. Hoffentlich kann ich ihnen mit meiner Musik auch Trost in ihren Lebenskämpfen sein.

Die meisten Ihrer Fans leben in Europa, und Sie haben gedroht, die USA verlassen zu wollen, als Trump Präsident wurde. Warum sind Sie immer noch in Amerika zu Hause?

Anastacia: Es klingt lächerlich, aber als Frau, die es auch heimelig mag, brauche ich den Sonnenschein in Amerika. Aber Sie haben recht, ich habe wirklich darüber nachgedacht, nach London zu ziehen. Auch Italien, Spanien und Deutschland kämen für mich als Wohnorte infrage. Noch bin ich nicht so weit.

Die politische Welt hat sich in den vergangenen zehn Jahren drastisch verändert. Welche Relevanz sprechen Sie der Musik angesichts dieser Veränderungen zu?

Anastacia: Es gab in dieser Zeit hier und da auch hoffnungsvolle Wendungen, aber seitdem Trump Chef im Weißen Haus ist, erleben wir wahrhaft horrende Veränderungen. Ich mache keinen Hehl aus meiner Abneigung gegen seine Präsidentschaft und seine Machenschaften. Was viele Leute in Amerika noch nicht realisieren, ist die systematische Beschneidung ihrer Freiheit seitens der Trump-Regierung.

Lässt sich künstlerischer Ausdruck kontrollieren?

Anastacia: Es gibt das Instrument der Zensur. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich menschlicher Ausdruck und Kreativität niemals verbieten lassen werden. Sie gehören so essenziell zum individuellen Ausdruck, dass sie sich von keiner politischen Partei und keiner Regierung kontrollieren lassen werden. Deswegen ist die Kultur, ist die Kunst gerade im Moment ausgesprochen wichtig. Sie ist eine Art Plattform für jeden, der nicht mit den Regierenden übereinstimmt. Ich bin eine Verfechterin der Kunstfreiheit. Heute mehr denn je.

Mehr denn je lamentieren Musiker auch darüber, dass keine Alben, sondern nur noch Songs gehört werden. Haben Sie Ihr aktuelles Album „Evolution“ aufgenommen, um dem Lamento etwas entgegenzusetzen?

Anastacia: Mir gefällt das Schaffen von Musik einfach! Vielleicht bin ich ein bisschen „old school“, weil ich eine Albumlänge immer noch schätze, aber es hat enormen Spaß bereitet, das „Evolution“- Album zu schreiben und aufzunehmen. Am Ende hatten wir etliche Songs, die sich so wunderbar ergänzten, dass daraus ein Album entstehen musste.

Sie glauben also nicht daran, dass physische Tonträger aussterben werden?

Anastacia: Ich mag keine Prognose abgeben, weil sich der Verkauf von Musik immer noch drastisch ändert. Aber es wird immer einen Bedarf nach Musikaufnahmen geben. Dennoch ist die Live-Erfahrung von Musik unschlagbar. Wenn ein Musiker, den man schätzt, auf der Bühne deinen Lieblingssong singt und eine Art Verbindung zwischen den Zuhörern und den Leuten auf der Bühne spürbar wird, entstehen einzigartige Momente. Ich mag solche Situationen derart gerne, dass ich so oft wie möglich mit meiner Tour-Familie unterwegs sein möchte. Ich schwöre Ihnen, dass man mich am Ende irgendwann aus dem Tourbus rauszerren muss, wenn ich 90 bin. Denn selbst dann will ich garantiert noch auf der Bühne stehen, wenn meine Gesundheit erlaubt.