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Aachen: Ur-Ur-Ur-Urgroßvater: Ferdinand Ries Enkel singt im Domchor

Aachen : Ur-Ur-Ur-Urgroßvater: Ferdinand Ries Enkel singt im Domchor

Der zehnjährige Elias denkt kurz nach, dann zählt er es an den Fingern seiner linken Hand ab, er braucht vier davon: Der in Bonn geborene Komponist Ferdinand Ries (geboren 28. November 1784, gestorben 13. Januar 1838) war sein Ur-Ur-Ur-Urgroßvater.

Vater Jacob Mülhens und Mutter Anne haben extra im Stammbaum nachgeschaut. Zum ersten Mal wird Elias nun eine Komposition des fernen und plötzlich doch ganz nahen Urgroßvaters singen — als Mitglied im Domchor, der zusammen mit dem Sinfonieorchester Aachen und Solisten am Dienstag, 3. Oktober, im Dom das Oratorium „Der Sieg des Glaubens“ (op. 157) im Rahmen der Oktobermusik aufführt. Das Gedenkkonzert erinnert seit 1945 jährlich an das Kriegsende in Aachen — es ist die 72. Veranstaltung in Folge.

Domkapellmeister Berthold Botzet ist begeistert — von der Geschichte, vom Werk und von den selbst für ihn neuen Informationen über einen deutschen Komponisten, Pianisten und Dirigenten, der als 19-Jähriger zunächst Schüler und schließlich sogar Sekretär und Vertrauter Ludwig van Beethovens wurde.

Früher Tod

Ries starb bereits im Alter von 54 Jahren, hinterließ ein Gesamtwerk von über 300 Kompositionen — Opern, Oratorien, Werke für ein oder mehrere Soloinstrumente, Kammermusik. Das Oratorium „Der Sieg des Glaubens“ wurde beim 12. Niederrheinischen Musikfest 1829 in Aachen, bei dem Ries die Festspielleitung hatte, uraufgeführt — übrigens im Aachener Theater. Als Elias in die Domsingschule kam, hat sein Vater dem Domkapellmeister ein Buch über den berühmten Verwandten überreicht, doch erst bei der Suche nach neuer Musik für die Oktobermusik kam Botzet dem Komponisten auf die Spur. Er wurde dabei tatkräftig von Hermann Max, Gründer des Chors Rheinische Kantorei und des Barockorchesters Das Kleine Konzert unterstützt. „Ohne ihn hätte ich die Partitur gar nicht bekommen“, erzählt er.

Von Ferdinand Ries wusste Elias bisher nicht allzu viel. Und wenn sich sein Vater erinnert, ging ihm das ähnlich, obwohl ein feierliches Porträt des Komponisten über dem Sofa hing. „Der alte Ries“ war ein feststehender Begriff in der Familie, der sich den Kindern erst viel später erklärte — nicht zuletzt durch die vor neun Jahren gegründete, bis heute von der Familie gepflegte Ferdinand-Ries-Gesellschaft in Bonn, deren Vorsitzende zurzeit Barbara Mülhens-Molderings ist, Eliase_SSRq Großtante.

Mit den Nachforschungen des Domkapellmeisters intensivierte sich der Kontakt zur Familie des Domsingknaben. Warum die Familie „Mülhens“ und nicht „Ries“ heißt? Ferdinand hatte vier Kinder, darunter Tochter Emily, die einen Kaufmann namens Mülhens heiratete.

Die Musikalität des Urahnen hat sich eindeutig vererbt. Elias singt und spielt Cello, Schwester Clara (9) spielt Querflöte, der sechsjährige Simon liebt Schlagzeug und Gitarre. Er will später einmal eine Rockband gründen. „Jonathan ist drei Jahre alt, da sind wir gespannt“, meint Jacob Mülhens, der Mitglied im weltlich-geistlichen Chor Lucivers ist. Sein Vater beschäftige sich mit Zwölf-Ton-Musik.

Zum Konzert wird nicht nur die Familie in großer Besetzung kommen, auch zahlreiche Mitglieder der Ferdinand-Ries-Gesellschaft, die Forschungen zu Werk und Person des Bonners unterstützt.

So fand man im Archiv der Stadt Aachen ein großes Paket mit 35 Briefen des schreibfreudigen Komponisten, der immer wieder Kritik übte: an Chören und Musikern, aber auch an der zu niedrigen Bezahlung. Ries galt zu seiner Zeit als „Zauberer“ am Klavier. „Man konnte ihm etwas zurufen, eine Gedichtzeile, ein Stückchen Melodie, und er machte etwa daraus“, weiß Mülhens. Ries war zudem permanent auf Reisen, stets auf der Suche nach besseren Bedingungen, um seine Werke aufzuführen, vielfach sogar auf der Flucht vor dem französischen und dem österreichischen Militär, die ihn in die Armee zwingen wollten.

Als Musikdirektor der Philharmonic Society gelang ihm in London schließlich eine bemerkenswerte Karriere, bevor er 1827 mit der Familie nach Frankfurt am Main zurückkehrte. Ries war es, der Beethoven den Auftrag zur neunten Sinfonie überbrachte und sie 1825 in Aachen beim achten Niederrheinischen Musikfest dirigierte — zur Eröffnung des Theaters.

Als Botzet nach vielen Umwegen glücklich einen Klavierauszug des Oratoriums in Händen hielt, las er begeistert das Titelblatt: „Dem Singverein zu Aachen gewidmet“ stand dort. Und wie klingt es nun, das Werk des Ur-Ur-Ur-Urgroßvaters. „Ganz schön, aber es gab sehr viel zu lernen“, erinnert sich Elias an die Probenarbeit, mit der der Domkapellmeister im Mai begonnen hat. „Irgendwann kam es mir vor wie ein gesungenes Gespräch.“

Zusammen mit dem Chor tauchte Botzet ein in die Welt des Komponisten, in ein Werk, das allerhand Pathos im gesungenen Dialog bietet. Da gibt es eine auffallende Nähe zu Joseph Haydns Werk „Die Schöpfung“. „Gefühle und Eindrücke lassen sich bereits aus der Musik heraushören, bevor Solisten oder Chor mit dem Text einsetzen, das ist bei Haydn ganz genauso“, erzählt Botzet. „Das ist faszinierend.“

Plötzlich sehr nah

Und wie geht es Elias mit dieser historisch-künstlerischen Verwandtschaft? „Ich bin jetzt langsam doch ein bisschen aufgeregt“, meint er. Botzet wird nachdenklich: „Mit Elias ist uns das Werk, das wir singen, noch näher, da singt plötzlich ein Nachfahre des Komponisten mit — unglaublich.“