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Alsdorf: Unheimlicher Herr des Grauens: Murnaus „Nosferatu”

Alsdorf : Unheimlicher Herr des Grauens: Murnaus „Nosferatu”

Wenn ein Orchester mit einer „Symphonie des Grauens” droht, wirkt das nicht unbedingt einladend. Anders, wenn es dazu beiträgt, dass der Untertitel zu Friedrich W. Murnaus genialem Horrorklassiker „Nosferatu” im „Konzert ohne Frack” seine akustische Bestätigung erhält.

Nach zwei erfolgreichen Projekten mit Chap-lin-Filmen vertieften Kapellmeister Daniel Jakobi und das Sinfonieorchester Aachen diesmal die Wirkung von Murnaus 1922 entstandenem Vorbild vieler Dracula-Filme. Die selbst von Werner Herzog nicht mehr erreichte Suggestivwirkung des Films, die geniale Kameraführung, die subtilen Schattenwirkungen und die exzellente Besetzung wurden hinlänglich gerühmt.

Max Schrecks kafkaeske Mutation zum spinnenartigen Flattertier strapaziert den Adrenalinhaushalt immer noch mehr als jeder Hightech-Klimbim Hollywoods. Hier wird der Pesthauch der Geschichte sicht- und spürbar.

Die Einzigartigkeit liegt auch darin begründet, dass es sich weniger um einen landläufigen Dracula-Film handelt als um ein expressionistisches Gesamtkunstwerk, das die Ur- und Zukunftsängste der Menschen zwischen den beiden Weltkriegen beschwört. Mimik und Gestik der Darsteller erinnern eher an James Ensor als an Christopher Lee, die Massenszenen wirken wie frühe Choreografien des modernen Ausdruckstanzes.

Da darf die Musik nicht zurückstecken. Von der Originalmusik und den ersten Bearbeitungen ist so gut wie nichts erhalten. Deshalb griff man auf die erst 1997 entstandene Komposition des britischen „Grusel-Spezialisten” James Bernard zurück. Und der bedient sich sehr geschickt expressionistischer Vorlagen.

Die Erscheinung Nosferatus taucht er in langgezogene, verzerrte Blechbläserakkorde, als würde jeden Moment Bartóks „Wunderbarer Mandarin” die Leinwand betreten. Der Griff auf Bartóks 1925 entstandene Ballettmusik weist Bernard als gewieften Praktiker aus, der, wie jeder gute Filmkomponist, weiß, was er wo und bei wem finden kann.

Die dunklen Nosferatu-Klänge kontrastieren mit bewusst naiven Assoziationen an die Tanzmusik der damaligen Zeit, wenn das bürgerliche Idyll zwischen dem Grauen hervorlugt. Das Aachener Sinfonieorchester mausert sich zu einem exzellenten Filmorchester, das den vielen Stil-, Stimmungs- und Tempowechseln reaktionsschnell folgen kann, wobei Daniel Jakobi die Fäden fest in Händen hält und die Synchronisation von Musik und Film nahezu reibungslos zu sichern vermag. Der Cinetower ist eine ideale Spielstätte für solche Projekte. Zwei weitere Aufführungen gibt es in Aachen.