Aachen: Ungeschönt und still, archaisch und dicht

Aachen: Ungeschönt und still, archaisch und dicht

Roger Melis war kein Fotograf pathetischer Posen oder dramatischer Momente.

Alles Grelle sucht man bei ihm vergebens. Stattdessen zeichnen sich seine klassisch-ausgewogenen Kompositionen durch einen gelassenen, fast melancholischen Blick auf die Seele des Menschen aus, er seziert ihre Verletzlichkeit vor messerscharf voneinander abgesetzten Gegensätzen. Ungeschönt und still, aber nicht hässlich oder trist.

Eine thematisch geordnete Auswahl der Werke des „Meisters des ostdeutschen Fotorealismus” ist nun im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen zu sehen. „Wir haben, als wir vor über zwei Jahren die Planung der Ausstellung begonnen haben, nicht geahnt, dass es eine Retrospektive wird”, sagte Kuratorin Sylvia Böhmer vor der Ausstellungseröffnung.

„Ich freue mich auf die Ausstellung und ich komme nach Aachen”, seien die letzten Worte gewesen, die sie von Melis vernommen habe. Am 11. September dieses Jahres ist der Fotograf im Alter von 68 Jahren verstorben.

Von den Tausenden Schwarz-Weiß-Arbeiten, die sich nun in der Obhut von Melis´ Sohn befinden, sind 150 aus den Jahren 1965 bis 1989 in der Reihe „20 Jahre Mauerfall” in Aachen ausgestellt.

Darunter bekannte Künstlerproträts von Heiner Müller, Anna Seghers oder Wolf Biermann, die Gesichter eines kleines Dorfes in der Uckermark, in der er gelebt hat, und Motive aus der Arbeitswelt der DDR, die merkwürdig archaisch anmuten, als stammten sie nicht aus den 70ern und 80ern, sondern aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende.

Am eindringlichsten sind wohl die Aufnahmen von Unbekannten, denen Melis respektvoll, fast sanft, aber nicht ohne Ironie in ihrem Lebensumfeld begegnet ist. Seine Maxime beschrieb er selbst einmal als eine Annäherung mit „Ehrfurcht vor dem Individuum”.

So zeigt er etwa auf dem Rummelplatz keine entstellten, kreischenden Menschen auf Fahrgeschäften, sondern eine Gruppe von Halbstarken, die eng beieinanderstehend das Bild füllen. Die zwei in der Mitte, im James-Dean-Schmachtblick erprobt, führen ihre Zigaretten in paralleler Armhaltung an die Lippen, die seitlich gescheitelten Haare fallen ihnen in Strähnen ins Gesicht.

Wie vor dem Spiegel einstudiert, die vermeintliche Lebenswirklichkeit ihrer Idole kopierend.

Ganz anders dagegen die Haltung eines Jungen mit Indianerschmuck auf dem Kopf. Die Arme verschränkt, die Schultern leicht hochgezogen, Falten auf der Stirn, aber doch mit dem Ansatz eines Lächelns scheint er unschlüssig, ob er den tapferen, ernsten Indianer mimen oder den netten Jungen von nebenan geben soll.

Die stilisierten Schneeflocken auf seinem Pulli setzen sich vor dem zerkratzten nackten Putz der Wand ab, das Licht - in Caravaggio-Manier von schräg oben fallend - betont die ausgefransten vorderen Federn vor den im Schatten liegenden hinteren. Der Wanddurchbruch daneben trennt den Jungen vom Blick in die dahinterliegenden Räume.

Die Intimität dieses Moments der Unsicherheit kombiniert mit der Perspektive - vom ersten Raum durch den Durchgang in den zweiten und durch eine Tür in den dritten - erinnert an Interieurs von Pieter de Hooch. Nicht umsonst wird Melis als einer der letzten, herausragenden Vertreter der klassischen Fotografie gerühmt. In Licht und Komposition, Motiven und Gesten folgt er großen Meistern der Genre- und Porträtmalerei.

Aber was an ihm und seinem Oeuvre ist ostdeutsch? Die Halbstarken hätten auch von Chargesheimer in Köln aufgenommen werden können, aufgeräumte Mietskasernen finden sich auch in westlichen Vorstädten. Trabanten und bröckelnde Fassaden sind Merkmale eines Lebensumfelds, aber nicht zwingend Ausdruck der Sozialisation des Künstlers. Die Antwort lautet: Melis war kein typischer Ostfotograf. Er hat sich das präzise, distanzierte Hinschauen aus seiner Ausbildung als Fotograf an der Berliner Charité bewahrt. Er war dabei, nicht mittendrin.