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Köln: Ungeheure Lebensfreude, die ansteckt

Köln : Ungeheure Lebensfreude, die ansteckt

Für zweieinhalb Stunden wird die Kölner Philharmonie zur Kirche. Allerdings nicht zu einer, in der die Menschen in stiller Andacht Gott gedenken, ihre Blicke stumm auf den Pfarrer richten oder gemessenen Schrittes am Abendmahl teilnehmen. Stattdessen wird wild geklatscht, gejohlt und getanzt.

„Spürt ihr den Geist?”, ruft Queen Esther Marrow dem Publikum zu, und tausendfach schallt ihr ein „Yeah!” entgegen. Was auf gut Amerikanisch so viel wie „Ja” heißt. „The Harlem Gospel Singers” sind wieder in der Stadt und ihr neues Programm „That´s spirit!” kann sich hören und sehen lassen.

Der Spirit, der Geist, steckt in jeder einzelnen Kehle der acht Sängerinnen und Sänger. Er bebt im tiefen Timbre der Mitbegründerin Queen Esther, im wilden Tanz von Chorleiter Dennis M. Hinson und in den Instrumenten der fünf Musiker. Allen voran: Anthony Evans, der musikalische Direktor am Piano. „That´s spirit” umfasst mehr als 20 Stücke, und die Bandbreite dabei ist immens. Sie reicht von Gospels und Spirituals über Soul und Jazz bis hin zu funkigen Discokrachern. Sogar eine Rap-Einlage gibt es.

Wenn zehn Stimmen für ein Hallelujah erklingen, dann stehen nicht nur der quirlige Publikumsliebling Hinson und Queen Esther als die „grande dame” des Gospels im Mittelpunkt, sondern jeder einzelne Akteur bekommt die Chance, sich als Solist zu profilieren.

Tenor Rodney Archie beschwört mit Hingabe den „Higher ground”, Altistin Stephanie Rice dankt kraftvoll dem Herrn („Thank you Lord) und Susu Bobien (Alt) macht „King Jesus” mit Verve und Volumen zur gesungenen Liebeserklärung an den Sohn Gottes.

Der Senior der Gruppe, Bariton Allan Steed, hat mit „He ain´t heavy, he´s my brother” eine Glanznummer für seine sonore Samtstimme, die grazile Sopranistin Rebecca Cummings legt glockenhellen Schmelz und Schmerz in „Give me Jesus”, und der smarte Raphael Smith wechselt bei „Waiting for the world to change” gekonnt ins Lager der Rapper und HipHopper.

Bei „That´s spirit!” stimmt nicht nur die Mischung, sondern auch die Choreografie. Die Harlem Gospel Singers steppen und swingen, liefern dazwischen eine Square-Dance-Einlage und bewegen sich in perfekt einstudierter Slow Motion. Mit „Jesus is love” singt sich Queen Esther direkt ins Herz ihrer Zuhörer, inniger, ergreifender und reiner kann Musik kaum klingen.

Die Botschaft der „Harlem Gospel Singers” wird glaubwürdig durch eine ungeheure Lebensfreude, die ansteckt. Sie reißt das Publikum von den Stühlen, Standing Ovation folgt auf Standing Ovation. In dieser Kirche ist man Gott sehr nah.