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Aachen: Ungarische Compagnie beschließt das Schrittmacher-Festival

Aachen : Ungarische Compagnie beschließt das Schrittmacher-Festival

Sie stürzen über die Bühne, ihre Körper scheinen in Auflösung begriffen, um sich danach sofort wieder in neuen Posen und Bewegungsmustern zu manifestieren — menschliche Kaleidoskope, die erschauern lassen und widersprüchliche Gefühle wecken.

Mit der ungarischen Compagnie Pal Frenak, die seit 1999 in Budapest und Paris beheimatet ist, findet das Schrittmacher-Tanzfestival 2016 in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang einen starken Abschluss.

 Von Sabine Rother Aachen. Sie stürzen über die Bühne, ihre Körper scheinen in Auflösung begriffen, um sich danach sofort wieder in neuen Posen und Bewegungsmustern zu manifestieren — menschliche Kaleidoskope, die erschauern lassen und widersprüchlich
Von Sabine Rother Aachen. Sie stürzen über die Bühne, ihre Körper scheinen in Auflösung begriffen, um sich danach sofort wieder in neuen Posen und Bewegungsmustern zu manifestieren — menschliche Kaleidoskope, die erschauern lassen und widersprüchlich Foto: Andreas Herrmann

Die Gäste, die vor zwei Jahren mit akrobatischem Modern Dance an schwingenden Seilen begeisterten, haben diesmal die verstörende und tiefgründige Choreographie „Birdie” mitgebracht, ein Stück über die Grauzone zwischen Traum und Wahn, in der die Menschen an ihren emotionalen Fesseln zerren, Wünsche zu Obsessionen mutieren, Entgrenzungen stattfinden. Fliegen wie ein Vogel — dieser Gedanke sowie Alan Parkers Antikriegsfilm „Birdy“ (1984) nach William Warthons gleichnamigem Roman haben Pal Frenak zu dieser Choreographie inspiriert.

Und so bewegen sich die Tänzer immer wieder wie hüpfende, sich im Geäst sicher fühlende Vögel auf den silbrig glänzenden Stangen einer geometrischen Konstruktion, die die Bühne bestimmt. Drei schräg gestellte Pyramiden verbinden sich zu einem Labyrinth der Gefühle, Ängste und Kämpfe. Mal ist es der beängstigend tropfende Ton eines Echolots, dann wieder ein Brausen, ein dumpfer Herzschlag oder die schmelzende Arie von Puccinis „Madame Butterfly” und die herzzerreißende Cello-Passage aus einer Bach-Suite, von Musiker Endre Kertész live gespielt, die das Ringen, Gleiten, Einander-finden und Verlieren leiten. Norman Levy hat eine Soundkulisse geschaffen, der man sich nicht entziehen kann. Zuhören und Zuschauen verstärken die Intensität des Mitfühlens.

Irgendwann stellt sich Beklemmung ein, dann wieder Trauer und Rührung. Das alles vermag eine Performance des Modern Dance, die bei der Compagnie Pal Frenak zur theatralischen Form gereift ist. Dabei fließen klassisches Ballett und alles, was mit Bewegung zu tun hat, in den Adern der muskulösen Männer, zu denen später auch zwei starke Frauen — eine Tänzerin und ein Model — treten.

Die geometrischen Bühnenelemente, die Winkel und Geraden bildende Gestänge sind Ort körperlicher und gestalterischer Höchstleistungen, Spagat in der Vertikalen, Balance, weiche, rasche Stellungswechsel und immer wieder subtil eingesetztes Vogelverhalten. So hocken sie auf Ästen, die Arme werden zu kleinen zuckenden Flügeln, der Kopf, der sich ruckartig bewegt, ist eingezogen. Es kommt zu unwillkürlichen Putzbewegungen, und die Vogelblicke halten beständig sichernd Ausschau nach einem Feind aus der Luft.

Dass Pal Frenak das Vogel-Thema durchaus auch witzig umsetzen kann, zeigt ein kleines Tango-Intermezzo mit balzenden „Männchen“, die ein „Weibchen“ anschmachten. Als dann schließlich mit dem großen, schönen, dunkelhäutigen Model ein besonderes Exemplar auftaucht, ist einer der kleinen Vogelherren komplett aus dem Häuschen.

Kämpfer im Krieg

Zeitweise drastisches Tanztheater beherrscht die Szene, man ahnt Krieg, Soldaten, die sich vor dem Sperrfeuer der Gegner in Sicherheit bringen. Sie robben über die Bühne, taumelnd bewegt sich ein Mann durch die Stangen — sein Kopf ist wie bei einem Gasopfer oder nach einer Augenverletzung komplett zugewickelt. Das ist gruselig und tänzerisch faszinierend.

Hochgewachsen ist die einzige Tänzerin im Ensemble. Während sich die Männer balgen, promeniert sie im sexy Outfit auf Highheels an ihnen vorbei. Niemand beachtet sie. Dann wieder drängt ein Tanzpaar Haut an Haut inein-ander, zwei Ertrinkende, die sich aber nicht retten können. In einer zweiten Szene ist die Frau barbusig, wankt, stolpert, stürzt, schreit herzzerreißend — der Hilferuf der nun so Verletzlichen verhallt. Das Cello-Stück wird zur Todesfuge. Wie Raben sitzen die Männer auf dem Gestänge, und das schwindende Licht schluckt sie alle. Euphorischer Applaus für die Akteure und Compagnie-Chef Pal Frenak.