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Aachen: Und Hildegard von Bingen tanzt mit den Geistern

Aachen : Und Hildegard von Bingen tanzt mit den Geistern

Das eigentliche Finale in Heerlen steht noch aus. Aber im Ludwig Forum sorgte das Scapino Ballet Rotterdam am Wochenende schon für einen umjubelten Abschluss des diesjährigen, überaus erfolgreichen Festivals in Aachen.

Die niederländische Tanzkompanie faszinierte das Publikum im ausverkauften Haus - mit ihrem ungewöhnlichen Programm „schrit_tmacher dancepieces”, eigens für das Festival zusammengestellt. Von Georg Reischl, einem der bekanntesten jungen Choreografen der Niederlande.

Die große offene Mulden-Bühne im Museum, unverstellt von Abtrennungen und Vorhängen, bot geradezu einen Cinemascope-Blick auf die so eigenwillige wie innovative Truppe, die gleich mit dem ersten Stück „Matter of a poem” die Zuschauer für sich gewann.

Luftig leicht und zart wie ein Frühlingshauch setzt das Ensemble sein Thema (Stoff eines Gedichts) in Bewegung um. In feinen, fast durchsichtigen Gewändern präsentiert sich das „physische Gedicht” mit drei Paaren, die sich finden und wieder verlieren. Wie in einem Traum gefangen, treten einzelne Figuren hervor, wollen buchstäblich „zu sich selbst kommen” mit Körpersprache, die ihren Widerhall findet in Stimmen und Geigenklängen aus Island.

Mitreißend wie eine Street Dance-Session überrascht die Choreografie von „Just boogie” das aufmerksame Publikum. Die heißen Rhythmen mit Anleihen beim Rock´n´Roll und Twist, von einem Quartett lustvoll in Bewegung gesetzt, bringen die Zuschauer in Hochstimmung. Mit feiner Ironie werden wechselnde Paarbeziehungen deutlich gemacht. Ein schwungvoller Auftritt, auch dank der Musik von Paolo Nutini.

Im letzten, etwas längeren Teil „framework 7, 8” geschieht Erstaunliches: Inspiriert von einer fast 1000 Jahre alten Komposition von Hildegard von Bingen, verweist Reischls stringente Choreografie auf kreatürliche Angst ebenso wie auf Bindung und Verlust, Körper und Seele. Die Engelsstimme ” aus dem Off untermalt den Reigen aus schmerzensreichen und beladenen Menschen, die zitternd und krampfend Trost und Heilung suchen. Die Szenerie mit exzellenten Lichteffekten verwandelt die neun Mitwirkenden in blasse Geisterwesen. Und Hildegard von Bingen scheint mitzutanzen, als am Ende so etwas wie eine spirituelle Massenbewegung einsetzt. Von Beifall umtost verabschiedete sich die Truppe aus Rotterdam.

Das Festival-Finale findet am kommenden Dienstag, 30. März, im Theater Heerlen/Limburgzaal statt. Die Dansgroep Amsterdam zeigt ihr Programm „Raak”. Beginn: 20.30 Uhr.