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Aachen: Und auf einmal war Adolf Hitler der liebe Gott

Aachen : Und auf einmal war Adolf Hitler der liebe Gott

„Warum hörst du nicht endlich damit auf?” Sie werden es jetzt wieder sagen, seine Freunde, und seine alten Kollegen. Auch seiner Frau ist es gar nicht so recht, dass er dem Mann von der Zeitung so viel erzählt. Und wenn Werner Schrammel erzählt, hört er nicht mehr auf.

Und dann hat er Angst, dass er sich rechtfertigen muss, weil er nicht davon aufhören kann. Dabei hat Werner Schrammel den besten Grund, den Mund aufzumachen, den man als Deutscher haben kann.

„Ich bin dabei gewesen bei dieser verdammten Schweinerei, und habe nichts dagegen getan.” Das büßt der 79-Jährige bis heute. Nicht, weil der „glühende” Hitlerjunge, bei Kriegsausbruch 13 Jahre alt, vielleicht tatsächlich etwas „dagegen” hätte tun können. Der Lebenskampf von Werner Schrammel, leitender Polizeikommissar a.D., kreist um die Frage: „Wie kann ich mich noch ernst nehmen?” Ein Kampf, für den es keine Tapferkeitsmedaillen gibt.

Die besondere Unruhe von Werner Schrammel in diesen Tagen hat ihren entsetzlichen Grund. Am Sonntag, 13. Februar, vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Groß-Rosen von sowjetischen Truppen befreit. Eines der größten Arbeitslager mit 125.000 Insassen, von denen 40.000 umkamen. Die überwiegend osteuropäischen Häftlinge mussten den Granit-Steinbruch des SS-Unternehmens „Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH” ausbeuten. Etwas bekannter wurde das zu den „vergessenen Lagern” gezählte, seit 1940 bestehende KZ durch den Film Schindlers Liste, und als jetzt Ende Januar an die Todesmärsche aus Auschwitz erinnert wurde, die auch nach Groß-Rosen führten. Das heißt heute Rogoznica und liegt in Niederschlesien, 60 Kilometer südwestlich von Breslau.

„Wunderbar war das”

Dort wächst Werner Schrammel auf, zunächst streng evangelisch. Der Vater arbeitet als Hilfsdiakon in der Erziehungsanstalt des 2000 Einwohner großen Dorfs. 1936 wird dann „der Führer zum lieben Gott”. Die Anstalt wird verstaatlicht, der Vater Parteigenosse, Werner wird Pimpf im Jungvolk. „Und das hat mir Spaß gemacht. Wunderbar war das jetzt plötzlich. Endlich keine Langeweile mehr. Geländespiele, Theater, Zeltlager, Heimabende. Ich lernte Kompass lesen und Luftgewehr schießen. Na, das war was für mich, das kann ich Ihnen sagen. Und wir waren richtig stolz.”

Werner Schrammel hat auch einen Drang, seine Bilder aus dieser Zeit zu zeigen. Auf einem „da marschiere ich vorne weg, ganz eckig. Immer schon zum Führer geboren dünkte ich mich. Ich wollte immer groß rauskommen”. Kann man quälender mit sich öffentlich „ins Gericht gehen”, wie Schrammel das selber nennt, wenn man bald 80 ist und diese Geschichten fast 70 Jahre her sind?

„Mitten im Dorf stand ein großes Denkmal für den aus Groß-Rosen stammenden Herbert Hertel, einer der „Helden” des 9. November 1923, die bei Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle umkamen. Da durfte ich als Pimpf einmal Ehrenwache halten. Ich war so stolz. Meine Schwestern feixten, um mich zum Lachen zu bringen. Ich habe aber ganz starr geradeaus geguckt.”

Und immer wieder singen sie als Hitlerjungen diese Lieder, die Schrammel heute noch auswendig kann. „Wir marschieren für Hitler für Freiheit und Brot/Mit der Fahne der Jugend bis in den Tod.”

Mit dem Krieg „kam der Hass” auf die „Judenfratzen” und die „Untermenschen” aus dem Osten. „Die Polen überrannt, das war fantastisch. Der Lehrer Lange hängte die große Karte auf und steckte die Front ab. Und natürlich hatte der Führer Recht gehabt.” Und nach dem 20. Juli 1944, „da hätte ich mich als erster zum Erschießungskommando gemeldet, um den Anschlag auf unseren geliebten Führer zu rächen”.

Nach der Volksschule geht Werner zur Handelsschule in Liegnitz bis 1942. Dann will er unbedingt Soldat werden, am liebsten bei der Waffen SS. „Da gehst du mir nicht hin”, sagt die Mutter nur. „Die wusste schon mehr als ich.” Beim Luftwaffenregiment Herrmann Göring wird er nicht angenommen, weil er zu jung ist, einen Zentimeter zu klein und weil er bei der Musterung vor Aufregung Herzrasen bekommt. „Da haben die mir dann einen Herzfehler angedichtet.” Der wird ihm noch lange anhängen.

Mit 16, im April 1942, bekommt Werner eine Anstellung in der Verwaltung der Deutschen Erd- und Steinwerke, unmittelbar am Konzentrationslager gelegen. Zwei Lager-Insassen werden ihm zugeteilt für Hilfsarbeiten, jedes freundliche Wort ist verboten. Aus seinem Bürofenster sieht Werner immer wieder, wie entfliehende Häftlinge abgeknallt werden. „Das Furchtbare war, das hat mir gar nicht so viel ausgemacht. Das waren doch Volksfeinde.”

Furchtbarer Gestank

Am Bahnhof sieht Werner mit seinem Freund, dem Sohn vom Bahnhofsvorsteher, Tag für Tag zu wie die Transporte kommen. „Der Gestank war furchtbar, wenn die Schiebetüren aufgingen. Und dann wurden sie aus den Waggons gestoßen, wenn sie nicht springen konnten. Da blieben viele liegen.”

Vor zehn Jahren hat Werner Schrammel einem polnischen Historiker, Spezialist für das KZ Groß Rosen, seine furchtbaren Erlebnisse ausführlich geschrieben. Der Professor hat sich artig bedankt und mit ein paar Zeilen darauf hingewiesen, dass ihm das meiste bereits bekannt war.

Die verlorenen Jahre

Im August 1943 wird der 17-Jährige zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, landet schließlich als Flakhelfer in der Normandie, erlebt dort die Invasion der Alliierten und gerät im September 1944 in Gefangenschaft, bis 1948. Wenn Werner Schrammel aus dieser Zeit erzählt, sprudelt es nur so aus ihm heraus. Eine „Landsergeschichte” nach der anderen. „Die Alliierten flogen nur in Verbänden, da ließ sich gut reinschießen. 17 haben wir abgeschossen. Unglaublich, unglaublich in einem halben Jahr. Und das hat uns mächtig Spaß gemacht.”

Wenn er die chaotische Flucht der deutschen Truppen schildert, mit verteilten Rollen, verschiedene Stimmen imitierend, kommt er richtig in Fahrt: „Verdammt, wer schießt denn da?” „Wo?” „Achtung, runter.” Ein Junge neben ihm knallt einen am Fallschirm hilflos herabschwebenden US-Piloten ab. „Der hatte gerade sein Gewehr zur Hand. Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn ich ein Gewehr gehabt hätte.”

Dann die Gefangenschaft in Kanada. Unglaubliche, doch nachprüfbare Geschichten, wie die Wehrmachtssoldaten, unter dem Schutz der Genfer Konvention, im Lager weiter Nazis spielen, mit Hitlergrußpflicht und Schweigemärschen zum „Heldengedenktag” 9. November. „Unter Trommelwirbel wurden die Namen der Gefallenen verlesen. Und draußen standen die Kanadier. Für die war das ein einmaliges Erlebnis.” Und dann hält Werner Schrammel mitten in seinem ganzen Schwall inne und sagt ganz still: „Das waren meine verlorenen Jahre.”

Demokratie lernen

Erst die Briten, die die deutschen Gefangenen nach Kriegsende übernehmen, beginnen mit der „reeducation”. Und nun dämmert es allmählich, „wie wir verarscht worden waren”. Doch aus Trotz kreuzt er im Fragebogen immer noch an: „Ich halte Hitler für einen großen Staatsmann.”

Aus der Gefangenschaft entlassen, landet der immer noch junge Mann 1948 in der Eifel, in Kommern. Ein „schneidiger Vetter” vermittelt ihn zur Polizei. „Eigentlich wollte ich nie wieder eine Uniform anziehen. Aber es gab ja nichts anderes.” Lehrgang um Lehrgang kapiert der Schutzpolizist in Bad Münstereifel, was Demokratie ist. „Gewaltenteilung, so was kannten wir doch noch gar nicht.” Schrammel wird, aufgestiegen in den gehobenen Dienst, Spezialist für Rechtsfragen, ist von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1986 Kommissar in Aachen. Und macht jede Menge Leistungssport, „von wegen Herzfehler”.

Und auch aus dieser Zeit hat er viel zu erzählen. Wie er den Kollegen mühsam die „unantastbare Menschenwürde” beibringt, wenn die etwa aus alter Gewohnheit aufgelesene Betrunkene einfach durch die offene Schiebetür in den Polizei-Bulli werfen. „So nicht mehr”, sagt Schrammel dann - und fängt sich Ärger ein: „Sie machen sich nur unbeliebt.” Das klingt wie eine Auszeichnung.

„Du schaffst dir nur neuen Ärger”, sagt noch heute seine Frau. Dabei steht sie stolz neben ihm, wenn wir uns zusammen ein Foto ihres Mannes anschauen, auf dem er als stolzer „Dorfgendarm” in Bad Münstereifel den Bundespräsidenten Theodor Heuss bewacht, der ihm das mit einer persönlichen Widmung dankt. Die Erinnerungen und Anerkennungen aus seiner Dienstzeit hat Werner Schrammel in einem extra großen Album penibel dokumentiert.

Was ihn getrieben hat, jetzt noch einmal „den Mund aufzumachen”, wo er doch so große Sorge hat, wie das ankommt? Werner Schrammel ringt auch um Gerechtigkeit, um Anerkennung für sich, aber auch für die Generation seiner Eltern. Dafür hat er sich diese Sätze zurechtgelegt: „Je länger diese Zeit zurück liegt, desto mehr verzerrt sich das Bild der Realität, wird in Schuldige und Unschuldige eingeteilt. Es gibt nur noch Wenige, die den Mut haben, über diese unsägliche Vergangenheit so ohne Schnörkel zu reden wie ich es mir zu eigen gemacht habe. Ich kann zum Glück behaupten, einer Generation anzugehören, die verführt worden ist. Die sich aber sehr wohl auch schuldig gemacht hat. Aber auch unsere Väter-Generation wurde verführt. Es ist furchtbar, was man mit Menschen anstellen kann.”

Über diese deutsche Geschichte kann man gar nicht aufhören zu reden. Viel zu viele Männer haben schließlich nie den Mund aufgemacht.