Überwachung als Kunstform im Neuen Aachener Kunstverein

Aachen : Der NAK zeigt Kontrolle als Kunst

Die aktuelle Ausstellung im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) hebt die allgegenwärtige Überwachung des Alltags in die Welt der Kunst. Julia Scher, seit 2006 Professorin an der Kölner Kunsthochschule für Medien, hat eine nachdenklich stimmenden Medieninstallation geschaffen, die ab Sonntag für das Publikum zu sehen ist.

Streng genommen beginnt die Geschichte der aktuellen Ausstellung im Neuen Aachener Kunstverein (NAK) mit einem Verlust. So wären die Aachener eigentlich bereits 1992 in den Genuss einer raumgreifenden Schau von Julia Scher und ihrem Lebensthema gekommen: Überwachung mit all ihren Facetten und Abgründen. Allerdings gingen die Pläne für das Projekt, das die US-Amerikanerin seinerzeit im Aachener Stadtpark realisieren wollte, verloren. Jetzt kann sie diesen Umstand vergessen machen – mit einer nachdenklich stimmenden Medieninstallation im NAK, basierend auf der Idee von damals.

Für ihre Schau „Delta“ nutzt die Wahl-Kölnerin sowohl gebräuchliche Überwachungskameras als auch moderne Geräte, die für den Einzug von Künstlicher Intelligenz im Alltag stehen. Zu sehen sind etwa Monitore, die in betonhafte Platten integriert sind. Ein Szenario das vor Trostlosigkeit trieft, ehe Live-Bilder aus dem Ausstellungsraum für Abwechslung sorgen. Der Besucher wird so Teil der Ausstellung – jedoch nur so lange er sich im Raum aufhält. „Keine Angst, wir zeichnen nicht auf“, versichert Maurice Funken, Direktor des NAK.

Konsens und Kontrolle, die ebenso alltägliche wie selten thematisierte Dualität dieser Zeit, ist allgegenwärtig beim Gang durch die beiden Ausstellungsetagen. „Wie viel wir preisgeben, entscheiden wir in der Regel noch selbst“, sagt Scher, „aber immer mehr Menschen ist es offenbar egal, wie transparent sie durch Überwachung geworden sind.“ Unbehagen mischt sich mit Faszination, wenn die Ablehnung von ständiger Beobachtung mit der allzu menschlich scheinenden Begeisterung für moderne Supertechnik zusammenkommt. Der Raum im Obergeschoss, in grünes Neonlicht getaucht, verheißt ob seiner Farbstimmung nicht etwa Wohlbefinden. Vielmehr herrscht Krankenhausatmosphäre mit nuklearen Nuancen. Hier hat Scher, seit 2006 Professorin für Medienkunst an der Kölner Kunsthochschule für Medien, moderne Smart Speaker installiert, die neben kryptischen Sprachbotschaften einen Klassiker von Crosby, Stills & Nash dudeln. Auch eine Art von Kontrollverlust. „Wir nehmen diesen Verlust im Kauf“, sagt Scher. „Was kommt noch? Die Gedanken?“ Die Frage klingt wie eine Warnung.

Die Ausstellung von Julia Scher ist bis zum 2. Dezember täglich außer montags von 14 bis 18 Uhr im NAK, Passstraße 29 in Aachen, zu sehen.

neueraachenerkunstverein.de

(Alexander Barth)
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