Aachen: Turbulenzen in der Flugverbotszone

Aachen: Turbulenzen in der Flugverbotszone

Leibhaftig und in voller Mittelalter-Montur auf dem Weg zum Set wäre Karl der Große an diesem Wochenende wohl gar nicht aufgefallen. Im Aachener Dom, einem Ort der Ruhe während der jecken Tage, wurde wieder ein Stück seines Lebens verfilmt. Denn am Rosenmontag ist der Dom für die Öffentlichkeit geschlossen und offen für Außergewöhnliches.

„Karl der Große” heißt die extrem aufwändige Doku-Fiktion, die für fast zwei Millionen Euro zurzeit von der Kölner Taglicht Media Film- & Fernsehproduktion realisiert wird. Die Aufnahmen vom Montag im Oktogon waren zwar spektakulär, aber nur ein Puzzle-Teil der filmischen Suche nach dem Menschen Karl. Der Film soll zum Karlspreis am 9. Mai 2013 in der ARD laufen und ist ein erster Höhepunkt auf dem Weg zum „Karlsjahr” 2014, welches die 1200. Wiederkehr des Todestages (28. Januar 814) von Karl feiert.

Es war ein cineastisches Hochamt: Ein kleiner Helikopter mit Kamera ersetzte das über allem schwebende Auge Gottes. Dieser Multicopter der viel beschäftigten Berliner Firma Omstudios fliegt heute schon über Til Schweiger in Hamburg rum. Am Rosenmontag gingen die Fotografen in Aachen vor dem technischen Wunderwerk in die Knie, als erwarteten sie die Weihen eines höheren Wesens. Der historische Dreh im Oktogon wirkte in diesem Moment eher wie Science-Fiction. Zufällig waren es genau acht kleine Rotoren, die den Multicopter im architektonischen Achteck schweben ließen.

„Der Dom ist eigentlich komplett Flugverbotszone.” Georg Minkenberg, Leiter der Domschatzkammer, beaufsichtigte die Flugversuche des Filmteams und äußerte sich zwischendurch begeistert über die Zusammenarbeit mit Taglicht. Er legte in den Vorbesprechungen natürlich vor allem Wert darauf, mögliche Schäden zu verhindern. Nicht so sehr der Seitenabstand zu den kostbaren Mosaiken bestimmte dabei die „Flugverbotszonen”, sondern die Gefahr eines Absturzes senkrecht nach unten.

Zwar ist das Fluggerät mit einem Ersatzakku versehen, so dass es sanft hinuntergeht, wenn nach vier Minuten der Saft weg ist, doch ein Sturz der vier Kilo schweren Maschine auf den Leuchter des Oktogons wäre katastrophal gewesen. Aber alles lief gut, nur für alle überraschende Luft-Turbulenzen in fast 30 Meter Höhe ließen die Aufnahmen verwackeln. Damit hatte selbst Dom-Fachmann Minkenberg nicht gerechnet. Diese Unwägbarkeit passt aber zu einem Filmprojekt, das offen und sehr neugierig auch mit neuen Forschungsergebnissen dem Rätsel Karl näherkommen will.

Immer wieder startete der Multicopter mit so viel Krach, dass der Karneval auch akustisch draußen blieb. Diese Aufnahmen werden noch nachvertont. Insgesamt wurde an diesem langen Wochenende Material aufgenommen, das im fertigen, zweistündigen Film nur rund drei Minuten ausmachen wird. Im fertigen Film wird etwa 30 Minuten lang unter anderem mit Wissenschaftlern und Experimenten vermittelt, was Karl so groß machte.

An der RWTH stellte man mit Fachleuten die historische Eröffnung des Karlsschreins nach, auch in der Domschatzkammer gab es Aufnahmen. Rosenmontag parkten vor dem Dom nur drei Transporter; das Material war klein, aber fein, unter anderem kam die neueste Version der hochauflösenden Red5-Kamera zum Einsatz, die selbst ohne Scheinwerfer-Batterien, quasi mit Taglicht, im Oktogon Bilder in Spielfilm-Qualität einfängt.

Regisseurin Gabriele Wengler, durch ihre Terra X-Erfahrungen („Die biblischen Plagen”) vertraut mit historischen Stoffen, hat sich fast so intensiv wie das Team von Taglicht um Produzent Christoph Weber mit dem Thema Karl beschäftigt. Insgesamt zwei Jahre. Ihr kam der Dom anfangs kleiner als erwartet vor. Doch die wirklichen Dimensionen gerade des Oktogons können Foto oder Film kaum wiedergeben. Auch deshalb der Versuch, mit dem „Fliegenden Auge” neue Perspektiven zu gewinnen. Früher arbeitete man dafür mit schweren Kränen, die den Boden des Doms bis an die Grenze belastet hätten. Heute wirkte der Dreh mit immerhin zwei Kamerateams für Helikopter und klassisches Aufnahmegerät sehr entspannt.

Die Filmemacherin, die zwischendurch einem TV-Team erklärte, welche Inschrift laut Karl-Biograf Einhard kurz vor des Kaisers Tod verblasste, fühlt sich momentan noch Einhard näher, der eine Rolle als Erzähler im Film hat. Aber, erzählte sie von der Öffnung der Karlsbüste für den Dreh, „wenn man die Schädelkalotte Karls sieht, bekommt man schon eine Gänsehaut”.

Die bekam kurz vor Drehschluss mit der entfesselten Kamera sicher auch Georg Minkenberg, denn der Multicopter stürzte tatsächlich doch ab! In geringer Höhe versagte der Motor. Doch es ist dank perfekter Vorbereitung nichts passiert, der Dom steht noch. In allgemeiner Zufriedenheit verließ das Team die Stadt. In den nächsten Monaten geht es in Südtirol und Österreich mit den Spielfilmszenen weiter.

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