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Aachen: Trügerische Rechtschaffenheit: „Alle meine Söhne” im Grenzlandtheater

Aachen : Trügerische Rechtschaffenheit: „Alle meine Söhne” im Grenzlandtheater

Als Stück gezielt mit Bezug auf den Irak-Krieg ausgesucht, entpuppt sich Arthur Millers „Alle meine Söhne” im Grenzlandtheater keineswegs als vordergründige Anklage gegenüber dem x-ten Krieg in der Welt.

Die Fragen von persönlicher Schuld, Verantwortung und Gewissen erweisen sich als allgemein und zeitlos gültig. Erika Gesells sensible Inszenierung und das intensive Spiel der Darsteller wurden bei der Premiere mit lang anhaltendem Applaus belohnt.

Bereits ein Jahr nach der Uraufführung 1948 mit Edward G. Robinson und Burt Lancaster verfilmt, zeigt „Alle meine Söhne” einen Rüstungsfabrikanten, der um des Profits willen den Tod amerikanischer Kampfflieger in Kauf nimmt, im Konflikt mit seinem Sohn.

Joe Kellers unternehmerischer Erfolg weist Schattenseiten auf: 21 junge Piloten kamen um, weil seine Fabrik wissentlich schadhafte Turbinen auslieferte. Während Keller selbst vor Gericht freigesprochen wurde, sitzt sein ehemaliger Kompagnon im Gefängnis.

Drei Jahre später lädt Sohn Chris seine Jugendliebe Ann - Tochter des inhaftierten Kompagnons - ein, um ihr einen Heiratsantrag zu machen. Einst war sie mit Chris Bruder Larry verlobt, der als Jagdflieder während des Krieges vermisst und nie gefunden wurde.

Mutter Kate Keller mag nicht daran glauben, dass Larry gestorben ist, sie erwartet täglich die Rückkehr ihres Sohnes. Anns Besuch gipfelt in einer dramatischen Begegnung, in der allesamt eingeholt werden von der verschütteten Vergangenheit...

Die Terrasse mit Hollywoodschaukel und der angedeutete Ausblick in einen weitläufigen Garten (Bühnenbild: Charles Copenhaver) vermitteln ein Bild bürgerlicher Rechtschaffenheit, das sich in zweieinhalb Stunden als sehr trügerisch erweisen soll.

In stetiger Spannungssteigerung harter Dialoge offenbaren sich die Beziehungen der Personen, behutsam freigelegt von einer einfühlsamen Regie, die offensichtlich großen Wert darauf legt, Verständnis für die Protagonisten zu gewinnen. - was die Tragik und die Wirkung der Geschichte nur noch unterstreicht.

So erscheint selbst Kriegsgewinnler Keller (Erwin Geisler) keineswegs als abgebrühter, gewissenloser Profithai. Er ist eher der gutmütige Familienmensch, dem im Krieg das Verständnis von persönlicher Verantwortung fehlt, „weil eben alle mitgemacht haben”.

Der sensible Sohn Chris (Tilmar Kuhn) stellt mit dem Recht der nachgeborenen Generation bohrende Fragen nach Gewissen und Schuld - mit dem Ergebnis, auf seine Weise mitschuldig zu werden am schrecklichen Fortgang der Geschichte. All das unter die Haut gehend gespielt.

Selbst die schwierige Rolle der Mutter Kate (Jutta Schmidt), angelegt zwischen Wahn und hellwachem Bewusstsein um die Wahrheit, verliert in keiner Sekunde an Glaubwürdigkeit.

Konzentriert, intensiv und doch leicht in der Wirkung - so könnte man die darstellerische Leistung des Ensembles umschreiben, allen voran Tilmar Kuhn, der das Vater-Sohn-Verhältnis sensibel prägt und als Chris am Ende tief enttäuscht zerbricht.

Erwin Geisler überzeugt als ein vermeintlich harmloser Geschäftsmann und Vater, in dem sich spät das Gewissen regt. Jutta Schmidt spielt sehr anrührend die verzweifelte Mutter. Gleichfalls sehenswert Stephanie von Borcke als tief mitfühlende Ann.

Oliver Matthiae gibt den zwischen Wut und Zweifel hin und hergerissenen George, Gudrun May die etwas schlangenhaft-verschlagene Nachbarin Sue, Eugen May den verständnisvoll-gutmütigen Jim.