Zarte Töne in der Bonner Oper: Trojahns „Ein Brief“ und Beethovens „Christus am Ölberge“

Zarte Töne in der Bonner Oper : Trojahns „Ein Brief“ und Beethovens „Christus am Ölberge“

Spektakulär leitete die Bonner Oper vor einem Monat mit einer plakativen Inszenierung des „Fidelio“ das Beethoven-Jahr ein. Mit einer szenischen Darstellung des Oratoriums „Christus am Ölberge“ schlug man jetzt erheblich zartere Töne an.

Sowohl die Inszenierung durch die Choreografin Reinhild Hoffmann als auch die Kopplung mit einer hauchzart gestrickten Kammeroper von Manfred Trojahn warfen einen milden Schein über den knapp zweistündigen Abend, der beim Premieren-Publikum trotz oder wegen der sensiblen Gangart auf große Zustimmung gestoßen ist. Nicht zuletzt auch dank überragender gesanglicher Leistungen.

Womit nicht geklärt ist, ob beide Werke überhaupt auf die Opernbühne gehören. Manfred Trojahns „Ein Brief“ auf der Grundlage von Hugo von Hofmannsthals Brief des Chandos an Francis Bacon mit Sicherheit nicht. Trojahn nennt das für Bariton, Streichquartett und Orchester filigran besetzte Werk eine „reflexive Szene“. Im Grunde ein riesiger Monolog des Chandos, den der Bariton Holger Falk mit bewundernswerter Konzentration und feinem Stilgefühl für die vielen Schattierungen der schwierigen Partie sensationell bewältigt.

Szenisch gibt das Stück wenig her, und auch das durch ihre Erfahrungen als Choreografin angereicherte Bewegungsreservoir Reinhild Hoffmanns erschöpft sich angesichts eines 40-minütigen, absolut handlungslosen Monologs schon nach kurzer Zeit. Da leistet auch ihr geschmackvolles, von einem großen Buch als Lagerstätte für den „reflektierenden“ Chandos beherrschtes Bühnenbild nur wenig Abhilfe.

Holger Falk als Chandos in der Uraufführung von Manfred Trojahns „reflexiver Szene“ „Ein Brief“ nach Hugo von Hofmannsthal an der Oper Bonn. Foto: Thilo Beu

Das eng an Hofmannsthal geknüpfte Libretto thematisiert die Krise eines Künstlers im Umbruch von der Romantik zur Moderne. Eine Zeit, in der die Einheit von Mensch und Natur, von Körper und Geist, Zusammenhänge aller Art zu zerbrechen drohen. Trojahn findet für den wortreichen Text eine jeder Nuance nachgehende Tonsprache, was Respekt verdient, die Eignung für eine große Bühne dadurch jedoch eher noch mindert.

Im Umbruch von der Klassik zur Romantik hatte sich hundert Jahre früher Ludwig van Beethoven mit ähnlichen Problemen des Verhältnisses von Mensch und Natur oder Mensch und Gott auseinanderzusetzen. Mit seinem Oratorium „Christus am Ölberge“ irritierte Beethoven seine Zeitgenossen durch ein Christus-Bild, das den Erlöser nicht als Gott in den Mittelpunkt stellt, sondern als einen leidenden Menschen, der sich von Gott verlassen fühlt. Ein weit in die Zukunft reichender, von existenzialistischem Pessimismus durchsetzter Ansatz, dem Beethoven durch sein Gottvertrauen allerdings noch einen hoffnungsvollen Schlusspunkt versetzt.

Im Mittelpunkt stehen nicht die dramatischen Ereignisse um die Gefangennahme Christi, sondern dessen Ängste, die Beethoven ohne verklärende Überhöhungen darstellt und die von dem Tenor Kai Kluge genau so intensiv und stimmlich exzellent zum Ausdruck gebracht werden wie der Chandos-Monolog durch seinen Kollegen Holger Falk. Ilse Eerens bewältigt als Cherub die überirdischen Höhen ihrer Partie mühelos, und Seokhoon Moon bringt als Petrus mit seinem markigen Bariton einige härtere Akzente ein.

Das Buch aus der Trojahn-Oper steht jetzt aufrecht. Es öffnet sich und ihm entsteigen die biblischen Figuren. Angesichts der plastischer geformten Musik Beethovens fällt die Personenführung für das auch nicht gerade hyperaktive Werk etwas leichter als mit dem recht kopflastigen Opus Trojahns. Zehn Tänzerinnen und Tänzer des Folkwang Tanzstudios umschwirren, umschwärmen und bedrohen in durchweg fantasievollen Choreografien die drei Hauptakteure, was reizvolle und abwechslungsreiche Tableaus ergibt. Die Tänzer nehmen die Rollen von Tröstern, Beschützern, aber auch Gegnern ein. Angesichts der dramaturgischen Schwächen eine durchweg respektable Inszenierung des Stücks.

Neben den überragenden Solisten können auch der erweiterte Chor des Bonner Theaters und das Beethoven Orchester unter Leitung von Generalmusikdirektor Dirk Kaftan ohne Abstriche überzeugen. Ein stiller, nachdenklicher, für die kommenden Ereignisse sensibilisierender Beitrag zum Beethovenjahr.

Die nächsten Aufführungen im Bonner Opernhaus sind am 14. Februar, 12. und 28. März sowie am 5. und 11. April (Kartentelefon: 0228/778008; www.theater-bonn.de).