Aachen: Trauer um Waltraud Schink: Spielte am Theater Aachen Hunderte Rollen

Aachen: Trauer um Waltraud Schink: Spielte am Theater Aachen Hunderte Rollen

Die Stimme, diese präg-nante Stimme, der Mund, der oft so spöttische, ausdrucksstarke Mund, ihre dunklen Augen, das schwarze Haar — so hat sie sich Generationen von Theaterbesuchern in Aachen eingeprägt. Sie war eine zarte, manchmal zerbrechlich wirkende Erscheinung; sie war eine kraftvolle Frau: Waltraud Schink.

Die große, wunderbare Aachener Schauspielerin ist, wie erst jetzt bekannt wurde, schon im Juli gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt.

folgtfolgtfolgtArchivfotos: XXXXX, YYYYY, ZZZZZ Foto: Bernd Hochstetter, Sepp Linckens (2) und Wolfgang Plitzner

1958 kam sie mit dem neuen Intendanten Paul Mundorf ans Aachener Stadttheater. 44 Jahre lang war sie hier auf der Bühne zu sehen: große Rollen, kleine Rollen, starke und schwache Frauen, verführerische und verzweifelte, naive und selbstbewusste — ungezählte Charaktere, wunderschöne Erinnerungen. Zum Beispiel an die gealterte Julia in Ephraim Kishons „Es war die Lerche“ 1975/76. Oder an Fräulein Schneider in „Cabaret“ 1998 im Grenzlandtheater.

Szenen aus einer bemerkenswerten Theaterkarriere: Waltraud Schink 1982 in „Nur Kinder, Küche, Kirche“ von Dario Fo (links oben), 1985 in „Bessere Tage“ von Jorgos Maniotis (unten links) und „Sommer“ von Edward Bond (unten Mitte) sowie rechts im Jahr 1999 vor dem Theater Aachen, ihrer Wirkungsstätte über mehr als vier Jahrzehnte. Foto: Bernd Hochstetter, Sepp Linckens (2) und Wolfgang Plitzner

Tom Hirtz, Leiter des Aachener Das Da Theaters, erinnert sich daran, wie Schink die Maude in „Harold and Maude“ 1990/91 im Theater Aachen darstellte: „Sie spielte diese Figur wunderbar unprätentiös und mit sympathischer Selbstironie.“

Szenen aus einer bemerkenswerten Theaterkarriere: Waltraud Schink 1982 in „Nur Kinder, Küche, Kirche“ von Dario Fo (links oben), 1985 in „Bessere Tage“ von Jorgos Maniotis (unten links) und „Sommer“ von Edward Bond (unten Mitte) sowie rechts im Jahr 1999 vor dem Theater Aachen, ihrer Wirkungsstätte über mehr als vier Jahrzehnte. Foto: Bernd Hochstetter, Sepp Linckens (2) und Wolfgang Plitzner

„Wenn man mich nur ließ, / hätt‘ die Bühne / eine Heroine. / Wenn man mich nur ließ“, sang Schink 1987/88 als Garderobiere Hattie in „Kiss me Kate“ — einfach hinreißend. Es war eine Inszenierung von Dieter Löbach, dem damaligen Schauspieldirektor des Aachener Stadttheaters. „Ich habe die wunderbarsten Erinnerungen an sie“, sagte Löbach am Donnerstag unserer Zeitung.

„Sie war eine sehr verrückte Schauspielerin, nicht leicht, mit starkem eigenen Willen.“ Er denkt spontan an den Barbarasong aus der „Dreigroschenoper“, an viele Chansonabende und, wenn er sich an Waltraud Schink erinnert, sofort auch an Heino Cohrs.

Am Stadttheater erlebte das Publikum tatsächlich Sternstunden, wenn Schink mit ihrem vor sieben Jahren gestorbenen Kollegen Cohrs auf der Bühne stand. Beide waren Ehrenmitglieder des Theaters Aachen, 33 Spielzeiten haben sie dort gemeinsam bestritten, in mehr als 100 Inszenierungen haben sie zusammen gespielt: präzise in der Sprache, konzentriert, ohne Faxen.

Mädchenhaft und kraftvoll trat Schink auf, sei es auf der Bühne oder sonst in der Öffentlichkeit. In ihrer Persönlichkeit und ihrer Erscheinung verband sich Zartheit mit immer spürbarer Energie. Diese zierliche Frau verfügte bis ins hohe Alter über erstaunliche Willens- und Tatkraft. Und die spielte sie nicht nur im Theater aus. Waltraud Schink war ein „homo politicus“. Ihr historisch-politisches Bewusstsein wurde geprägt durch die Erfahrungen mit den nationalsozialistischen Machthabern und deren Schergen.

Mit der Nazi-Vergangenheit und der Frage, wie dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte hierzulande behandelt worden ist, hat sich Schink über Jahrzehnte intensiv auseinandergesetzt. Daraus entwickelte sie ein bemerkenswertes Engagement in der Friedensbewegung. Auf und neben der Bühne setzte sie sich für Frieden und Völkerverständigung ein; das hat ihre Lebensjahre nach dem offiziellen Abschied vom Ensemble geprägt.

Eigentlich wollte sie Geschichte studieren; es ließ sich nicht verwirklichen. Die Schauspielerei war anfangs eher eine Notlösung; bis es sie packte. Sie pflegte aber immer auch eine gewisse Distanz zu ihrem Beruf. Sie war selbstkritisch, mochte keine Allüren. Zugleich erlebte man sie bei verschiedenen Begegnungen liebenswert-theatralisch.

So war Waltraud Schink, eine Künstlerin, die ihr Metier sehr ernst nahm und sich selbst auch ironisieren konnte. Sie inszenierte das nicht, so war sie: ein bisschen rätselhaft, eigensinnig. „Selbst ist die Frau.“ So sah sie es, so lebte sie, und sie war extrem auf ihre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit bedacht — bis zum Schluss, zuletzt ganz zurückgezogen.

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