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Aachen: Trauer um längjährige Leiterin der Sammlung „Kunst aus NRW“

Aachen : Trauer um längjährige Leiterin der Sammlung „Kunst aus NRW“

„Der Preis für das Lebenswerk geht an…“ Wie inflationär wird diese Auszeichnung doch heutzutage vergeben. Dabei gibt es Menschen, die ganz bescheiden im Hintergrund arbeiten, ohne Aussicht oder gar Kalkül auf großartige Anerkennung, und doch so viel mehr bewirken: Maria Engels — sie hätte einen solchen Preis mit Fug und Recht verdient gehabt.

Gerade mal vier Monate nach ihrer Pensionierung ist die langjährige Leiterin der Sammlung „Kunst aus NRW“ in Aachen-Kornelimünster völlig überraschend im Alter von 65 Jahren gestorben. „Ihr plötzlicher Tod hat mich sehr betroffen gemacht. Mein Mitgefühl gilt ihrer Familie und ihren Freunden“, kondolierte am Dienstag Ute Schäfer, Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen.

Maria Engels mit einer Grafik von H.H. Zimmermann.
Maria Engels mit einer Grafik von H.H. Zimmermann. Foto: Archiv/Jaspers

Sachkompetenz und Treue

„Der gute Geist der alten Reichsabtei“, so haben wir sie immer genannt, wenn wieder einmal eine neue Ausstellung stattfand oder gelegentlich sogar die ganze Institution zur Diskussion stand. „Der gute Geist der alten Reichsabtei“ - das war auch für die Künstlerschaft, mindestens die in NRW, ein fester Begriff für Verlässlichkeit, Sachkompetenz und Treue. Ihr Erbe — die Stelle ist nach über vier Monaten immer noch nicht wieder besetzt worden — bedeutet für das Land NRW wie aber auch die Stadt Aachen Gabe und Verpflichtung zugleich.

Ohne die Kunsthistorikerin Maria Engels und ihr unermüdliches Engagement wäre die „Kunst aus NRW“ heute vermutlich ein für die allgemeine Öffentlichkeit ziemlich verschlossenes Depot mit einer Sammlung von fast 4000 Kunstwerken, aus dem die diversen Ministerien oder andere Behörden des Landes Leihgaben bezogen hätten, um ihre Bürowände repräsentativ zu schmücken. Diese Funktion hat die Sammlung zwar in der Tat heute immer noch, allerdings ist das Haus in 35 Jahren ein absolut bedeutender und weithin geschätzter Ausstellungsfaktor für zeitgenössische Kunst geworden — und das nicht zuletzt aufgrund der Tatkraft dieser Frau.

„Es war eine Idee der ersten Stunde“, hatte uns Maria Engels kürzlich noch den Ursprung der NRW-Kunstkollektion erklärt. Im frisch gegründeten Kultusministerium im noch jungen Land Nordrhein-Westfalen keimte 1947 bei einem Ministerialrat namens Mathias T. Engels die Idee auf, wie man besonders begabten, jungen Künstlern ein wenig auf die Beine helfen könnte: durch den Ankauf ihrer Werke. Mathias T. Engels — das war ihr Vater, „Referent für Angelegenheiten der bildenden Kunst“, wie es damals hieß. Das Aquarell „Schildkröte“ von Karl Schwesig war das erste Kunstwerk, das für 200 Mark in den Besitz des Landes überging. „Man wollte sich politisch absetzen von der Indoktrination der Nazi-Zeit“, erklärte uns Maria Engels die ursprünglichen Beweggründe für die Einrichtung einer Sammlung.

Deren Geschichte ist mit ihrem Namen fest verbunden. Als die „Kunst aus NRW“ vor kurzem im Zuge des Ausverkaufs der Warhol-Bilder aus dem Aachener Spielcasino plötzlich auch wieder infrage stand, da rief sie uns, sehr bewegt, an und brachte ihre Sorge zur Sprache, dass womöglich NRW-Kunst aus Kornelimünster auch in den Verkauf geraten könnte. Selbst nach der Pensionierung: Die alte Reichsabtei lag ihr bis zuletzt am Herzen.

Ihre Stelle ist noch unbesetzt

Mit Zufriedenheit und Genugtuung, wie sie uns sagte, hat sie dann schließlich das unverbrüchliche Bekenntnis des NRW-Kulturministeriums zur „Kunst aus NRW“ registriert. Als testamentarische Aufgabe des Landes bleibt nun die Neubesetzung ihrer Stelle und die Fortsetzung ihres Programms von gut zehn Wechselausstellungen pro Jahr. Mit der Unterstützung der Stadt Aachen.

Hann Trier gehörte einst zu den ersten Begünstigten des absolut vorbildlichen Förderprogramms des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstler. Er bekam für sein Ölbild „Amboss“ 600 D-Mark, Bruno Goller für sein Gemälde „Altar im Gefangenenlager“ 735 D-Mark — Zahlen, die gewissermaßen die Stunde null des deutschen Kunstmarktes markieren.

Gerhard Richter und Sigmar Polke folgten in ihren jungen Jahren, heute weltberühmte Namen mit gleichfalls weltberühmten Preisen für ihre Kunstwerke. In der ersten Hälfte der siebziger Jahre gingen die Ankäufe auf Wanderausstellung — annonciert unter dem Titel „Aspekte der gegenwärtigen Kunst aus NRW“. Es war eine Frage der Zeit, um für die immer wertvoller werdenden Schätzchen ein gesichertes Depot zu finden.

Ein Glücksfall für Aachen: Mit dem zusätzlichen Wunsch nach mehr Öffentlichkeit fiel die ehemalige Reichsabtei Kornelimünster in den Blick, das Domizil des Bundesarchivs. Ab 1993 steckte das Land 15 Millionen Mark in die Sanierung des Gebäudes. Persönlich fasste Maria Engels 1989 hier festen Fuß, in dem Jahr wurde sie fest angestellt, zuvor arbeitete sie zehn Jahre lang allein über Werkverträge. Ab 1996 gab sie pro Jahr bis zu zehn vorwiegend jungen Künstlern über die permanente Schausammlung hinaus ein Forum — solchen, von denen das Land bereits Werke angekauft hat. Ihre Wechselausstellungen verstand die Kuratorin stets als „Ergänzung und Vertiefung“ der Fördertätigkeit des Landes.

„Die Künstler schätzen unser Haus sehr“, konnte Maria Engels im Gespräch mit unserer Zeitung immer wieder neu belegen, „besonders den Kontrast von Alt und Neu.“ Bis zu 400 Gäste fanden sich zur Eröffnung ihrer Ausstellungen ein, rund 13 000 Besucher zählte die „Kunst aus NRW“ zuletzt pro Jahr. Und das trotz eingeschränkter Öffnungszeiten. Maria Engels entwickelte über die Jahre ein Ausstellungswesen, das bei der Gründung weder beabsichtigt noch vorhersehbar war. Eine Frau — eine Initiative, ein tolles Ergebnis.

Die Leiterin erinnerte sich: „Die erste Einzelausstellung 1996 galt Karl Otto Götz.“ Bis dahin war der in Aachen geborene Pionier der deutschen Nachkriegskunst, der im Februar 100 Jahre alt geworden ist, in seiner Heimatstadt eigentlich ziemlich vergessen. Die Schau wurde zu einer Initialzündung einer dankbaren gegenseitigen Wiederannäherung. Auch ein Beweis dafür, wie bedeutend die „Kunst aus NRW“ für die Stadt Aachen und darüber hinaus geworden ist — eigentlich Verpflichtung zu einem Ausbau der Zusammenarbeit.

122 Ausstellungen, 150 Künstler

122 Ausstellungen mit gut 150 Künstlern hat Maria Engels zusammengestellt, und die Alte Reichsabtei etablierte sich so als einer der wichtigsten Standorte der bildenden Kunst in unserer Region. Für die Zukunft des Hauses hatte sie zu ihrem Abschied ein paar Vorschläge anzubieten: zum Beispiel eine Vernetzung in die Euregio hinein. Und Künstler-Stipendien, sie könnten ganz neue Möglichkeiten eröffnen. Raum wäre jedenfalls genügend vorhanden. Der „gute Geist der alten Reichsabtei“, der wünscht sich eine Nachfolgerin…

Die Trauerfeier für Maria Engels findet am Freitag, 12. Dezember, um 14 Uhr in der Linnicher Pfarrkirche St. Martinus statt.