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Aachen: Touristen entdecken Aachener Beutekunst

Aachen : Touristen entdecken Aachener Beutekunst

Wenn es denn pressemäßig überhaupt gerechtfertigt ist, zur Vokabel „Sensation” zu greifen, dann jetzt: Ausgerechnet zu einer Zeit, in der das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum in einer sogenannten „Schattengalerie”-Ausstellung mit originalgroßen Reproduktionen an 80 von 270 seit dem Zweiten Weltkrieg vermisste hauseigene Kunstwerke erinnert, da tauchen 87 davon wieder auf!

Sage und schreibe 66 Jahre, nachdem sie verschollen sind! Wo? In Simferopol in der Ukraine, einer Stadt mit 360.000 Einwohnern auf der Krim.

Museumsdirektor Peter van den Brink wurde im Urlaub von der Nachricht überrascht, wir erreichten ihn telefonisch auf Gran Canaria, wo er bis zum 20. November seine Ferien verbringt. „Fantastisch” und „seltsam” zugleich findet er das unverhoffte Auftauchen von Gemälden der Aachener Sammlung, die nach der Auslagerung in der Meißener Albrechtsburg verschwunden waren.

Bayerisches Ehepaar

Und wer hat sie nun gefunden? Ein bayerisches Ehepaar war es, das im August Urlaub machte auf der Krim und sich danach zunächst per E-Mail, dann per Telefon im Suermondt-Ludwig-Museum meldete. Im Internet hatten beide von der „Schattengalerie” in Aachen erfahren, von eben jener Ausstellung „Verlorener Gemälde des Suermondt-Ludwig-Museums”, deren Verbleib bis heute unbekannt sei. „Wieso unbekannt?”, fragten sie die Aachener Museumsleute. „In Simferopol sind sie doch ausgestellt!” Frank und frei präsentiert im dortigen Kunstmuseum.

Der Witz: In der Schau hing im August eine Kommentar-Tafel auf Russisch, die nicht nur die Herkunft der Bilder eindeutig preisgab - in Simferopol wusste man sogar von der „Schattengalerie” in Aachen und bezog sich darauf. Das bayerische Ehepaar hat diesen Kommentar übersetzt und nach Aachen geschickt. „Wir stellen hier Bilder vor”, schreiben die ukrainischen Kuratoren, „die 60 Jahre nicht gezeigt wurden. Diese Exposition enthält 87 Bilder aus der Sammlung des berühmten Aachener Suermondt-Ludwig-Museums.”

Dann eine sehr merkwürdige Passage: „Diese Bilder wurden eine lange Zeit dem Publikum nicht zugänglich gemacht, weil die Restitutionsfrage auf staatlicher Ebene nicht geklärt war. 2007 bekam das Simferopoler Kunstmuseum die offizielle Erlaubnis, diese Bilder auszustellen.” Was soll das heißen? Etwa, dass die „Beutekunst”-Frage auf einmal geregelt sei? Dass Semferopol die Bilder vielleicht sogar behalten kann?

Peter van den Brink hält es für ausgeschlossen, dass es staatlicherseits solche Vereinbarungen zwischen Deutschland und Russland oder der Ukraine gibt. Und er hat bereits Rücksprache genommen mit Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder und ehemalige Aachener Kulturdezernentin. Sie habe bestätigt, dass solche Vereinbarungen nicht existierten.

Der Kommentar des Kunstmuseums Simferopol erläutert weiter, wie die Bilder aus Aachen auf die Krim gekommen sind: „1945-46 zunächst nach Meißen und dann in die Albrechtsburg gebracht”, heißt es - was nicht ganz richtig ist. Die Auslagerung erfolgte bereits 1942. Die Sammlung sei dann als „Kompensation” für zerstörte Kulturgüter in die Sowjetunion gelangt. 2170 Exponate in Simferopol „wurden durch die deutschen Besatzungstruppen im Zweiten Weltkrieg teils abtransportiert, teils zerstört... 1953 bekam das Kunstmuseum in Simferopol als Wiedergutmachung für die 2170 verlorenen Kunstwerke nur 87 Bilder aus Aachen.”

Im Weiteren wird die „Schattengalerie”-Ausstellung in Aachen erwähnt, wobei die Kommentatoren nicht ganz genau informiert sind und den 7. Dezember als Eröffnungstag angeben - aber die Schau läuft bereits seit Anfang September und dauert noch bis zum 8. Februar. „Während der Ausstellung nehmen Fotos der Bilder in diesen Rahmen Platz. Hier bei uns”, heißt es mit süffisantem Unterton, „sehen Sie die Originale in neuen Rahmen”.

Welche Bilder sich genau auf der Krim befinden, das will Peter van den Brink schnellstmöglich auf einer Reise in die Ukraine erkunden, nachdem über die deutsche Botschaft in Kiew Kontakt mit dem Museum aufgenommen worden ist. „Jetzt haben wir eine Basis”, freut sich der Aachener Museumsdirektor. „Wir ahnten zwar, wo sich unsere Sammlung befinden könnte, doch wenn wir nachgefragt hätten, was hätten wir wohl zu hören bekommen? - Welche Aachener Bilder?” Vor allem auch der gegenwärtige Zustand der Gemälde interessiert van den Brink besonders.

Zumindest zwei der 87 Werke sind bekannt: Der Kommentar selbst benennt Peter Snayers „Schlafender Junge aus Savoy”. Die bayerischen Touristen haben das Bild „Aachener Dom” von Johann Gottfried Pulian (19. Jahrhundert) gesehen.

Aachens Oberbürgermeister Jürgen Linden hat angekündigt „alle uns zur Verfügung stehenden Kanäle” zur weiteren Information zu nutzen. Ob die Werke aber tatsächlich jemals nach Aachen zurückkehren werden, steht vollkommen in den Sternen.

Zumal es da die Erinnerung an ein Ereignis gibt, das solche Fragen wie die Rückgabe von Kunstwerken in einem besonderen Licht stehen lässt: Im Dezember 1941 fand das berüchtigte Simferopol-Massaker statt. SS-Leute ermordeten innerhalb weniger Tage 14.000 jüdische Bürger.

„aspekte” berichtet im ZDF darüber

87 Gemälde aus dem Aachener Suermondt-Ludwig-Museum aufgetaucht: Diese größte Beutekunst-Entdeckung der vergangenen Jahrzehnte stellt das ZDF-Kulturmagazin „aspekte” am Freitag um 22.35 in seiner aktuellen Sendung vor.