Tongeren: Tongeren führt die Champions League an

Tongeren : Tongeren führt die Champions League an

Gerade mal 30.000 Einwohner zählt die Stadt Tongeren, 15 Kilometer westlich von Maastricht und 20 Kilometer südlich von Hasselt gelegen - im Dreiländereck nicht nur von seinem sonntäglichen Antiquitäten- und Trödelmarkt her bekannt.

Das schmucke Städtchen hat sich mit seinem sorgfältig aufgehübschten Zentrum längst auch zu einer beliebten, gemütlichen Einkaufsmeile gemausert.

Und museumsmäßig spielt es in der Champions League mit - aber nicht nur das: Es führt sie auch noch an! Soeben ist das archäologische Gallo-Römische Museum vom European Museum Forum, einer Initiative des Europarats, zum „Europäischen Museum des Jahres 2011” gewählt worden. Die Trophäe, eine goldene Plastik von Henry Moore, beherrscht nun in einer effektvoll angestrahlten Vitrine die Entree-Halle des Museums.

Immerhin 40 Museen aus ganz Europa hatten sich um den begehrten Preis beworben, 34 Häuser aus 15 verschiedenen Ländern wurden letztlich nominiert. Das entscheidende Kriterium: „Beurteilt wird hauptsächlich, inwieweit ein Museum die Bedürfnisse und Wünsche des Publikums befriedigt”, sagt Kenneth Hudson, der Gründer des Europäischen Museums-Forums. Die Jury begründete ihre Entscheidung schließlich, kurzgefasst, so: „Die Ausstellung ist lehrreich, aber nicht belehrend. Sie regt zum Nachdenken an und versorgt den Besucher mit dem Wissen, das es braucht, um eine eigene Sicht der Dinge zu erlangen.”

Absolut erstaunlich: Das Gallo-Römische Museum verfügt kaum über spektakuläre Spitzenstücke, betont selbst die Museumsdirektorin, Carmen Willems. Aber was aus den Funden aus 500.000 Jahren, die man seit dem 19. Jahrhundert rund um Tongeren gesammelt hat, gemacht wurde, das ist offensichtlich zukunftsweisend für die ganze europäische Museumslandschaft.

Entscheidenden Anteil daran dürfte die Tatsache haben, dass ein Designer, Bühnenbildner und Regisseur, der Flame Niek Kortekaas, die permanente Ausstellung auf drei Etagen in Szene gesetzt hat. Das Allroundtalent, das sich selbst als „Szenograf” bezeichnet, ist ansonsten in Schauspiel, Oper und Musical zu Hause.

Dabei ist das Gallo-Römische Museum in Tongeren von Anfang an ein Erfolgsmodell: 1994 in einem ersten neuen Gebäude, das sich unmittelbar an die Kathedrale anlehnte, eröffnet, katapultierte es sich in wenigen Jahren mit 120.000 Besuchern pro Jahr in die erste belgische Liga. Bereits 2004 konnte das Haus den Besucherandrang nicht mehr verkraften, die Provinz Limburg entschloss sich, den Altbau 2006 kurzerhand abzureißen und für 19 Millionen Euro einen Neubau zu errichten, der 2009 eröffnet wurde.

Das Ergebnis, entworfen von dem Hasselter Architekten Alfredo De Gregorio, ist eine zeitgemäße, geometrisch präzise Kubus-Architektur in Grau und Schwarz, die mit den Bauten eines Oswald Mathias Ungers (Wallraf-Richartz-Museum, Köln) und eines Peter Kulka (Neubau Leopold-Hoesch-Museum, Düren) international bestens mithalten kann. Puristisch steht der Bau in einem spannenden Kontrast zum Formenreichtum der mittelalterlichen Liebfrauenbasilika, dazwischen ganz neu geschaffen: der Museumsplatz als einladendes Zentrum der Stadt.

Der Neandertaler hat es nicht leicht, sein Hab und Gut schleppt er in Fellen gewickelt auf dem Rücken mit sich. Lebensechte Figuren aus Kunstharz sind die Blickfänger im Erdgeschoss, in dem ersten der drei Ausstellungssäle, der die Existenz der ersten Menschen einfühlsam darstellt. Chronologisch wird die Menschheitsgeschichte von den Anfängen bis zum Mittelalter erzählt.

Auch das ist Ergebnis einer intensiven Publikumsbefragung von 800 Menschen, bevor das Konzept erarbeitet wurde. „Wir wollten von ihnen vor allem wissen, was sie erwarteten. Sie wollten lernen. Wir fragten sie, auf welche Weise sie in unserem Museum lernen wollen”, erklärt Carmen Willems. Und so wurde den Wünschen der Besucher entsprochen: „Man kann sich in einem Schnelldurchgang genauso gut informieren wie bei einem fünfstündigen Aufenthalt.”

Das Informationsangebot ist sehr übersichtlich gestaffelt: Symbolisch stellen überdimensional dargestellte archäologische Objekte am Anfang jeder der vier Ausstellungssektoren Schlüsselmomente der Geschichte dar. Ihre Entwicklung stellte jeweils eine wichtige Verbesserung des menschlichen Lebens dar: der Faustkeil als Werkzeug der ersten Zeitgenossen, das Gefäß als Erfindung der ersten sesshaften Menschen und Ackerbauern (5300 v. Chr.), das es erlaubte, Lebensmittel zu speichern, ein Schwert als Merkmal für die Entwicklung erster Eliten in einer mehr und mehr differenzierteren Gesellschaft (825 v. Chr.), schließlich ein keramischer Soldatenbecher (10 v. Chr.) - und der steht für diesen Slogan: „Die Römer gründen Tongeren.”

Keine Frage: Die multimedialen Errungenschaften der Menschheit sind in einem Museum des 21. Jahrhunderts ein absolutes Muss. Doch hier geht es nicht um spektakuläre Effekte. Entscheidende Fragen in der prähistorischen Abteilung im Erdgeschoss sind: Womit beschäftigen sich die ersten Menschen in ihren Basislagern? Wie macht man Feuer? Wie entsteht das modische Kleid eines Steinzeit-Girls? Filme zeigen, wie die Tongerener der Frühzeit das alles bewerkstelligt haben. Und wenn man sich den Bildschirmen nähert, erblickt man in den niedrigen Vitrinen davor die passenden Original-Fundstücke zu den jeweiligen Aktivitäten.

Wer noch tiefer in den Hintergrund der Geschichte eindringen will, der mag sich die Texttafeln neben den Exponaten „einverleiben”. So kann jeder Besucher selbst die Stufen seines Informationsbedarfs frei wählen. Die übergeordnete historische Situation in Europa und der Welt ist überdies auf interaktiven Landkarten per Fingerdruck abrufbar.

Ein überaus lohnenswertes Ziel!

Besonders schön: das viersprachig aufbereitete Angebot für Kinder - Zeichentrickfilme, interaktive Bildschirmprogramme und per Kopfhörer vermittelte gesprochene Erläuterungen behandeln die jeweiligen Themen für die Sechs- bis Zwölfjährigen.

Sparsam und schlicht finden sich die Exponate präsentiert, Einzelstücke faszinieren, statt dass Wiederholungen langweilen. Objekte des Alltags - Glas, Schmuck, Keramik zum Beispiel aus römischer Zeit - korrespondieren mit einem Modell der damaligen Stadt Tongeren und einer römischen Villa. Das geht ohne Scheu bis zur stimmungsvollen Darstellung einer lebensgroßen Gruppe von Römern bei einer Beerdigung - umgeben von den Originalobjekten gefundener Grabbeigaben. Anschaulichkeit ist Trumpf - kein Wunder, dass die Besucherzahl bei über 120 000 pro Jahr liegt. Schulklassen fallen aus dem ganzen Land in Heerscharen ein.

Die Inszenierung appelliert gleichermaßen an Wissensdrang wie Fantasie und gefühlsmäßige Aneignung der Objekte aus der Vergangenheit. Und die hat reichlich Spuren hinterlassen in der ältesten Stadt Belgiens. Nicht nur Asterix lehrte die Römer das Fürchten, hier war es Ambriorix, Häuptling der Eburonen, der die Besatzer in „Atuatuca Tungrorum” 54 vor Christus in die Flucht schlug.

Die Geschichte endet im Museum mit den Resten eines der ersten christlichen Gräber in Tongeren. Aufbewahrt war es bis zur Neueröffnung des Museums 2009 in der Kathedrale von Lüttich.

Die ganze Stadt hat von dieser enormen Investition in Kultur mächtig profitiert, man merkt es ihr bei einem Besuch auf Anhieb an. Ein überaus lohnenswertes Ziel in der Euregio.

Viersprachige Infos im Internet:

http://www.galloromeinsmuseum.be Besucher bis 26 Jahren zahlen nur einen Euro

Gallo-Römisches Museum Tongeren, Kielenstraat 15, Tel. 0032/ 12670330.

Geöffnet: Di. bis Fr., 9 bis 17 Uhr, Sa./So., 10 bis 18 Uhr.

Eintritt: 7 Euro, ermäßigt (Senioren und Behinderte) 5 Euro. Kinder und Jugendliche - in Tongeren ist man sehr großzügig - bis 26 Jahren zahlen nur einen Euro, Familien 15 Euro Eintritt.

Auf Deutsch gibt es zu den nummerierten Exponaten einen umfangreichen Ausstellungsführer, der jedes Objekt ausführlich erklärt.