Aachen: Tibor Torell inszeniert Janáček Oper „Katja Kabanowa“ als Traum der Titelheldin

Aachen: Tibor Torell inszeniert Janáček Oper „Katja Kabanowa“ als Traum der Titelheldin

Manchmal hilft so ein Blick aus dem Jenseits ja, unser irdisches Jammertal mit helleren Augen zu betrachten. Zuletzt gelang dem norwegischen Starregisseur Stefan Herheim an der Düsseldorfer Rheinoper mit Alban Bergs „Wozzeck“ dieser Kunstgriff, indem er die Geschichte der geschundenen Kreatur aus dem Moment ihres Sterbens heraus entwickelte und damit dem Publikum sehr nah auf den emotionalen Pelz rückte.

Am Theater Aachen unternimmt der Regisseur Tibor Torell (44) den Versuch, Leoš Janáeks „Katja Kabanowa“, in gewisser Weise ein Schwesterwerk des „Wozzeck“, aus der Perspektive der verblichenen Titelheldin neu zu beleuchten. Dabei jedoch bleibt vieles im Dunkeln.

Irina Popova zeigt als Katja im Laufe des pausenlosen 100 Minuten währenden Opernabends viel von ihren brodelnden Sopranfarben, wenngleich ihr dramatisches Instrument sich nicht gerade perfekt an Janáčeks vom Duktus der Sprache geerdete Stimmführung anschmiegen lässt. Kantabel, arios berührt die Sopranistin des Ensembles immer noch unmittelbar. Das sind die besten Momente des Abends, der sie ihren Stempel aufdrückt. Janáčeks vom abgründigen Orchesterklang getragener Konversationsstil liegt ihr weniger.

Zu Beginn dieser „Katja Kabanowa“ jedoch lässt Torell sie nur traurig dreinblicken. Schon in den sich füllenden Saal hinein. Sie sitzt in einem weißen Engel-Kleidchen auf dem über den Graben sich vorspitzenden Bühnenrand und herzt ihren Stoffhasen. Möwen kreischen, leise klimpert eine Spieluhr. Die Wolga, Todesstrom und Heimatort, läge wohl im Parkett.

Ein düsterer Einheitsraum

Bei Janáčeks grandiosem Vorspiel hebt sich der Vorhang zum Gewimmel der handelnden Personen in einem düsteren Einheitsraum. Vorn drei naturalistische Felsenhügel, zentral ein symbolträchtiger Baby-Laufstall, rechts eine deckenhohe Glaswand, gegen die immerfort der Regen prasselt. Drinnen der Kerker der gesellschaftlichen Konvention — hier herrscht unerbittlich die Kabachina, Katjas bigotte Schwiegermutter, mit dem Schwert der guten Sitten. Draußen die Natur, Boris, Katjas Sehnsuchtsmann, und das Volk, kostümiert als eine Art Untoten-Armee. Für den surrealen Stilmix der Bühne zeichnet Piero Vinciguerra verantwortlich, fürs in disparate Welten weisende Kostüm Isabelle Kaiser.

Im Zentrum des Beginns, ja der gesamten Inszenierung, steht die Titelheldin. Sie lebt aus dem Koffer, ist in Tibor Torells Sicht wohl nie recht angekommen in der Beziehung zum schwachen Tichon, ihrem Ehemann. Im Koffer findet sie ihr Schmusetier, ihre Kleider, die sie wie Identitäten wechselt: das schlichte der Gattin, das grüne der Geliebten, die den Freitod wählt.

Im Zentrum der Bühne: der Laufstall, Metapher der Enge, der Kindheit, hier auch Eingang zum Kerker, zur tabuisierten Freiheit. In den Kern des Stücks, ins Herz der Zuschauer und -hörer führen die Einfälle der Regie nicht, das bleibt den Sängerdarstellern überlassen. Und hier ragt, neben der Popova, die außerordentliche Altistin Katja Starke heraus, die für die Kabanicha eine berückende Körpersprache und hinreißende Töne findet.

Allerdings erschließt sich das Brutal-Selbstgerechte der bösen Schwiegermutter leichter als die Aspekte der gebrochenen Figuren. Alexey Kosarev ist ein stattlicher Boris, ein klarer, ein auch schmeichelnder Tenor, allein: An seine Katja lässt ihn die Regie nur ganz am Ende heran, zum verzweifelten Abschiedskuss.

Tichon, dem Ehemann der Katja, gibt Johan Weigel neben einem wohlgebildeten Tenor auch so etwas wie Schattierungen mit. Alles in allem jedoch erscheint die Konstellation der Figuren in diesem Drama, das ja zumindest aspekthaft auch eines der Gesellschaft ist, unklar. Der cholerische Tyrann Dikoj, den Pawel Lawreszuk sehr eindrücklich singt und spielt, erscheint ebenso unmotiviert auf der Bühne zu agieren wie die Randfiguren, unter denen Viola Zimmermann als Warwara ebenso überzeugt wie Patricio Arroyo als Kudrjasch.

Das Sinfonieorchester Aachen rackert mit großem Aufwand durch die komplexe Partitur. Justus Thorau am Pult hat jedoch Mühe, die disparaten Klänge zusammenzuhalten, in sicheres Fahrwasser zu leiten. Klangliche Unwägbarkeiten durchziehen den gesamten Abend. Bei den großen Gefühlswallungen übertönt der Graben das Sängerensemble. Die fatale Gewittermusik allerdings verfehlt ihre große Wirkung nicht.

Nun ist „Katja Kabanowa“ für das Theater Aachen eine große Herausforderung — wie für die GMD-Kandidaten, die sie noch dirigieren werden. Dass das Ergebnis von Mut und Mühen diesmal nicht gänzlich zufriedenstellt, mag Ansporn für neue Wagnisse sein. Das Publikum weiß das zu schätzen. Der Applaus fiel diesmal zumindest für das Produktionsteam nicht so euphorisch aus wie gewohnt.

Mehr von Aachener Zeitung