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Aachen: Tibor Torell inszeniert in Aachen die Oper „Katja Kabanowa“

Aachen : Tibor Torell inszeniert in Aachen die Oper „Katja Kabanowa“

Es läuft. Zumindest die Regentropfen perlen schon prächtig an den Fensterscheiben herab. Dass auch die Konsonanten und Vokale ebenso flüssig über die Lippen der Sänger rinnen, daran arbeitet Tibor Torell noch.

In seiner Inszenierung von Leoš Janáeks Oper „Katja Kabanowa“ ist von der Wolga, in der die unglücklich verheiratete Katja sich am Ende ertränken wird, nichts zu sehen. Aber im Hintergrund regnet es unaufhörlich, während die Jugend der Frustrierten davor unweigerlich verrinnt.

Vom Hardrocker zum Opernregisseur: Tibor Torell auf der „Katja“-Bühne.
Vom Hardrocker zum Opernregisseur: Tibor Torell auf der „Katja“-Bühne. Foto: Michael Jaspers

Einige (Natur-)Symbole und andere Zeichen können das Publikum zur Deutung anregen, und für viele Ohren werden die Klänge wohl ungewohnt sein. Denn gesungen wird — wie bei diesem längst im Repertoire gelandeten Psychothriller von 1921 mittlerweile aber üblich — in der Originalsprache: auf Tschechisch.

„Perfekte Rolle“ für Popova

Und darin ist Tibor Torell Experte. Geboren wurde er in Slaviín, rund 100 Kilometer von Brünn, dem Wirkungsort des Komponisten, entfernt. Da muss der Regisseur — unterstützt durch einen Sprach-coach — einfach oft den Besserwisser spielen, gibt er zu. „Das ist bei der Probe schon ein Running Gag.“ Wichtig sei die korrekte Aussprache, weil sich Janáek beim Komponieren von der Melodie des gesprochenen Wortes leiten ließ.

Aber die tschechische Herkunft bedeute nicht, dass er mit Janáeks Musik aufgewachsen wäre, lässt Torell den Besserwisser schnell vergessen. Seine „Karriere“ am Klavier war nach einem Armbruch mit zwölf schon beendet, es folgte eine Phase als langhaariger Hardrocker, bis ihn Puccinis Mimi zu Tränen rührte und etwas später eine nackte Lulu an der Komischen Oper Berlin erweckte: „Dass das möglich war! Diese Erzählweisen waren so anders als in meiner Heimat.“

Etwas anders erzählen will der 44-Jährige auch seine erste Janáek-Oper. Wir sehen also kein Kaff an der Wolga in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sondern im surrealen Raum von Piero Vinciguerra wohl eher eine Collage aus Katjas Kopf. In einer Rückblende will Torell die Entwicklung der jungen Frau von ihrer Hochzeit bis zum Selbstmord nachfühlbar machen. „Ich wünsche mir, dass die Zuschauer mit Katja mitleiden können.“

Er weiß, dass er sich dabei auf seine Hauptdarstellerin verlassen kann. Für Irina Popova, die Primadonna des Ensembles, wurde das Stück ausgewählt. „Die Rolle ist perfekt für sie“, meint Torell ebenso wie der musikalische Leiter Justus Thorau. Eine anspruchsvolle Riesenpartie mit hochdramatischen Ausbrüchen und ganz zarten, lyrischen Passagen — „und dann noch der tschechischen Sprache“, betont Thorau.

Aber mit der hat die bulgarische Sopranistin bei Janáeks „Jenufa“ 2015 ja schon Erfahrungen gesammelt. Nun also wieder eine „außergewöhnliche Aufgabe“, wieder ein emotionaler Exzess, wieder ein Tod im Wasser. Allerdings wird Popova nach der Mutterrolle der Küsterin nun als Katja verjüngt im Gefängnis der Ehe unter einer bösen Schwiegermutter leiden. Der Regisseur findet, für Popova sei es der perfekte Zeitpunkt. „Junge Sängerinnen können diese Rolle gar nicht so fühlen“, sagt Tibor Torell.

Sein wohlklingender Name, den er für die Arbeit an deutschen Theatern aus seinem ursprünglich viel längeren und komplizierteren „künstlerisch eingekürzt“ hat, ist in Aachen nicht unbekannt. Von 2007 bis 2011 hat Torell als Regie-assistent am Haus gearbeitet und dort drei Koproduktionen mit der Musikhochschule („Dido and Aeneas“, „Albert Herring“ und „Orpheus2“) ans Heute herangeholt.

Danach wechselte er als Spielleiter an die Rheinoper, wo er als „Young Director“ auch schon mit Erfolg Elliott Carters Einakter „What next?“ auf die große Bühne des Duisburger Theaters brachte.

Will er mit 44 denn nicht den Sprung in die Freiheit als Opernregisseur wagen? „Das ist superschwer“, weiß Torell. Jetzt hat er ja auch erst mal noch genug mit Unterdrückung und Unfreiheit in „Katja Kabanowa“ zu tun. Da gibt es sicherlich noch Wichtigeres zu tun, als an der Aussprache zu feilen.

Aber einen Besserwisser-Tipp hat er parat: Janáek wird mit langem „aaaa“ (unter dem Akzent) ausgesprochen, wie auch Kaaaatja Kabanowaaaa. Vielleicht ein kleiner Hinweis für das Sektgespräch im Foyer. Eine Pause gibt es allerdings nicht. Der Abend läuft in gut anderthalb Stunden aufs tödliche Ende zu.