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Familienstück im Theater Aachen: Zwei Frauen spielen in der „Unendlichen Geschichte“ die Helden

Familienstück im Theater Aachen : Zwei Frauen spielen in der „Unendlichen Geschichte“ die Helden

Michael Endes weltbekannter Roman kommt als Familienstück auf die Aachener Bühne. Petya Alabozova und Marlina Mitterhofer sind als Bastian und Atréju, die Retter Phantásiens, zu erleben.

Wer kennt es nicht, dieses weiße Riesenknuddeltier, das aussieht wie ein Cockerspaniel, den man zu oft mit Perwoll gewaschen hat? Und welches Kind will nicht auf ihm reiten? Als Sechsjährige hatte Marlina Mitterhofer das erhebende Gefühl: ein Flug auf dem Glücksdrachen Fuchur aus der „Unendlichen Geschichte“. So weit hatte es die gebürtige Münchnerin auch nicht zu den Bavaria-Filmstudios, wo das weiße Zotteltier aus der ersten Verfilmung von Michael Endes Kinderbuchklassiker auf Besucher wartete. Nun kommt für die 24-jährige Schauspielerin die fantastische Steigerung: Im Familienstück am Aachener Theater darf sie als Drachenreiter Atréju in nächster Zeit öfter mit Fuchur Runden drehen.

So flauschig-knuddelig fliegt der Glücksdrache in Aachen allerdings nicht daher. Überhaupt sollte man einfach mal die Filmerwartungen an der Garderobe lassen. Es wird anders. Ist ja auch Theater! Erst mal spielen zwei Frauen die tonangebenden Jungs. Neben Marlina Mitterhofer als Atréju ist das Petya Alabozova als Bastian. Spielen sie eigentlich Jungs? Ach, mit Geschlechterrollen haben sich die beiden Darstellerinnen gar nicht so beschäftigt. Da gibt es Wichtigeres: „Das Schöne ist, dass zwei Frauen Heldenfiguren spielen!“, findet Mitterhofer, und Alabozova stimmt ihr heftig nickend zu.

Als Schüler Bastian spielt die gebürtige Bulgarin einen Außenseiter, der einsam ist und gemobbt wird. „Er flieht in eine Fantasiewelt, in der er sich weiterentwickelt“, deutet Alabozova die Reise Bastians, der beim Lesen eines dicken Buches selbst in die abenteuerliche Geschichte hineingerät. Ihre langen schwarzen Haare hat die 37-Jährige für die Rolle zum Zopf geflochten, „wie eine Samuraikämpferin“; in der Fantasiewelt namens Phantásien tauscht Bastian dann seinen grünen Hoodie gegen einen silbernen Brustpanzer. Denn Kämpfen ist auch angesagt. Ende-Leser wissen es natürlich: Phantásien, das Reich der Kindlichen Kaiserin, ist in Gefahr, vom Nichts bedroht. Der einheimische Jäger Atréju und Neuankömmling Bastian müssen es gemeinsam retten.

Und das wird für die beiden Schauspielerinnen ganz schön schweißtreibend. „Mein T-Shirt kann ich am Ende auswringen“, schnauft Alabozova. „Das ist das körperlich anstrengendste Stück, das ich bisher gemacht habe.“ Gut, dass die beiden auch ein Training mit einer Kampfchoreographin absolviert haben. Es geht schließlich gegen Panzerriesen und fleischfressende Pflanzen. Mitterhofer steckt als Atréju in grünem Overall und glänzenden Boxstiefelchen, damit das Springen und Sprinten geschmeidig über die Bühne geht.

„Das ist mein erstes Mal“, sagt Alabozova. Für Mitterhofer auch. Das erste Mal Familienstück, das erste Mal vor jungem Publikum. Kein Schiss vor Kreischen, Quatschen, Quieken oder Handydaddeln im Zuschauerraum? „Nee!“, bleibt Mitterhofer ganz cool. Ihre Kollegin ist da etwas zurückhaltender: „Ich habe Respekt.“ Als Bastian sitzt sie mit Buch zunächst länger auf der Bühnenkante, ganz nah dran an der ersten Reihe. Ob da die imaginäre „vierte Wand“ die Illusion dichthält?

Für beide ist es „das erste Mal“: Marlina Mitterhofer (hinten als Atréju) und Petya Alabozova (Bastian) spielen zum ersten Mal im Familienstück mit.
Für beide ist es „das erste Mal“: Marlina Mitterhofer (hinten als Atréju) und Petya Alabozova (Bastian) spielen zum ersten Mal im Familienstück mit. Foto: Carl Brunn

Vielleicht ist das aber bei dieser „Unendlichen Geschichte“ gar nicht so wichtig. In der Aachener Inszenierung von Schauspieler Roman Kohnle, die auf der Fassung von John von Düffel basiert, kann das Publikum in den Theaterapparat hineingucken – bis zur Brandmauer, auf Windmaschine und Züge, auf Scheinwerfer und Vorhänge. „Die Theatermittel werden entblößt“, verrät Alabozova. Gilt Endes Roman als Plädoyer für die Macht der Fantasie, will die Aachener Aufführung zudem ein Plädoyer für die Magie des Theaters sein – mit viel Raum für die Fantasie der Zuschauer. Auf leerer Bühne sollen Musik, Licht und Video, Kostüme und Objekte, vor allem natürlich Kraft und Energie der beiden Hauptdarstellerinnen sowie ihrer acht Schauspiel-Kolleginnen und Kollegen Atemberaubendes zaubern.

Wenn die beiden weiblichen Helden dann mal durchgeschnauft haben, folgt eine weitere fantastische Steigerung. Als Nächstes spielen Alabozova und Mitterhofer – Gott, was sonst? Premiere von „GI3F. Gott ist drei Frauen“: am 12. Januar im Mörgens.