Wunderbar: „Così fan tutte“ am Theater Aachen

Opernpremiere „Così fan tutte“ am Theater Aachen : Witz, Tragik und Beziehungsschnipsel

Ute M. Engelhardt inszeniert Mozarts „Così fan tutte“ in Aachen mit leichter Hand und humorvollem Sinn fürs Allzu-Menschliche. Ein wunderbarer Abend!

Das überaus Reizende an „Così“ ist, dass Mozart und sein Librettist da Ponte die vermeintlichen Gewissheiten über Liebe und Treue so lustvoll ins Wanken bringen. In dieser Versuchsanordnung werden ja aus den braven und glücklich liierten Schwestern Fiordiligi und Dorabella lustvolle Tabubrecherinnen; aus ihren harmlosen Verlobten, den Freunden Guglielmo und Ferrando, verwegene Don Juans. Das alles zunächst, um die wenig schmeichelhafte Sicht des Philosophen Don Alfonso auf das Wesen der (weiblichen) Treue zu widerlegen. Später, weil sich die menschlichen Gefühle (oder die Hormone) ihrem Wesen nach als unberechenbar, anarchisch erweisen. Mozarts Musik leuchtet unvergleichlich doppelbödig in die Emotionen der Beteiligten, erfindet inmitten der Konventionen der Opera buffa wunderbar Unerhörtes. Da ist etwa jener dissonante Akkord, den er dem Wörtchen „Sehnsucht“ unterlegt, nur ein Beispiel von vielen auch musikalischen Tabubrüchen.

In Aachen beweist Ute M. Engelhardt in ihrer zweiten Arbeit (nach Poulencs „Gespräche der Karmeliterinnen“), wie genau sie das Wesen der Figuren erfasst und den Sänger-Schauspielerinnen vermitteln kann. Dreieinhalb Stunden lang dürfen die Zuschauer fasziniert sein von der Wahrhaftigkeit, mit der die Protagonisten auf der Bühne agieren. Die Schwestern giggeln und turteln, zicken und leiden ganz herzallerliebst. Netta Or, als Fiordiligi die Reifere, Standhaftere, Fanny Lustaud als Dorabella die naiv leicht Entflammbare, haben köstliche Szenen auf dem Sofa oder im Foyer des von Bühnenbildnerin Mara Scheibinger auf die Drehbühne platzierten Hotels. Dabei harmoniert der sehr herbe, aber ausdrucksstarke Koloratursopran von Netta Or wunderbar mit dem fein und expressiv geführten, ebenfalls herben Mezzo Fanny Lustauds. Das neue, junge Ensemblemitglied hat der erfahrenen Kollegin in puncto natürlicher Bühnenpräsenz schon einiges voraus. Ein außerordentlicher Genuss.

Patricio Arroyo kommt als agiler Latin Lover mit Mozart-Schmelz in allen Lagen daher, sein Ferrando-Tenor mischt sich perfekt mit dem zu sensiblem Ausdruck begabten Bariton von Andrew Finden, der als Gast den Guglielmo verkörpert.

Neben den Arien beeindrucken sorgfältigst gearbeitete Ensembles. Hier finden die beiden buffonesken Anstifter der ganzen Turbulenzen, Hrólfur Saemundsson als Don Alfonso und Suzanne Jerosme als keck-freche Zofe Despina, reichlich Gelegenheit, stimmlich Teamfähigkeit zu beweisen. Auch deren beider Präsenz auf der Bühne ist großartig, Jerosme bringt großes Buffo-Talent zur Geltung, Saemundsson tapst den Philosophen sehr, sehr lustig. Wie er sich bei der herzzerreißenden Sehnsuchtsarie eine Stulle schmiert und ungerührt hineinbeißt, das ist feinste Komödie.

Manch holpriger Einsatz

So trägt Engelhardts Regie über den ganzen Abend. Da genügt eine winzige Bewegung der Drehbühne, um eine neue Stimmung zu erzeugen. Das neuzeitliche Kostüm von Dorothee Joisten, das auch Smartphone-Etuis vorsieht, aktualisiert das Sujet. Da zeitigen noch plumpe Gatten-Fotos auf delikaten Kleidungsstücken gelungene Pointen. Selbst die Kriegslandschaft, in die das als Spielort ausgewählte Hotel versetzt ist, entwickelt mit einer durchschossenen Wand zusätzliche Komik.

Da sind die Pauken des Aachener Sinfonieorchesters in ihrem Element, die nicht selten wie Kanonen bollern. Puristen dürfte das stören, auch manch holpriger Einsatz, ein ab und an wenig mozartisch quecksilbriger Ton des von Justus Thorau geleiteten Klangkörpers. Bei all den turbulenten Verwicklungen spielt das jedoch fast keine Rolle. Das Tempo stimmt und auch der Geist der Musik, die farb- und formenprächtig aufs überraschende Happy End hinschnurrt. Das jedoch ist der Regisseurin dann zu banal, daher gibt’s am Schluss jede Menge ungeklärte Beziehungsschnipsel. Und jubelnden Applaus.

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