1. Kultur
  2. Theater

Aerosolstudie im Grenzlandtheater: „Wir wollen Mut machen, ins Theater zu gehen“

Aerosolstudie im Grenzlandtheater : „Wir wollen Mut machen, ins Theater zu gehen“

Das Aachener Grenzlandtheater hat eine Aerosolstudie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Eine Ansteckung mit dem Coronavirus ist im Zuschauerraum quasi nicht möglich. Was bedeutet das für die Debatte um Lockerungen?

Er kann nicht sprechen, er kann sich nicht bewegen, und er ist gerade mal rund 70 Zentimeter groß. Trotzdem spielt er die Hauptrolle in diesem Stück: Oleg. Denn mit Olegs Hilfe kann das Aachener Grenzlandtheater nachweisen, dass in seinem Zuschauerraum unter bestimmten Voraussetzungen nahezu gar keine Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus besteht. Dafür muss Oleg nicht mal besonders viel machen: einfach nur ausatmen.

Oleg ist natürlich kein Mensch. Es handelt sich um einen künstlichen Torso mit einem Kopf darauf. Ein bisschen sieht er aus wie das Bauteil einer Schaufensterpuppe. Dahinter verbirgt sich allerdings geballtes Ingenieurwissen. Denn Oleg kann die Ausbreitung von Aerosolen, also kleinsten Schwebeteilchen durch Atemluft simulieren. Und da nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft Coronaviren hauptsächlich über Aerosole beim Ausatmen beziehungsweise Sprechen übertragen werden, kann man daraus wiederum Rückschlüsse auf das Infektionsrisiko ziehen.

Martin Seipenbusch fasst es noch etwas konkreter, und ein Hinweis ist ihm sehr wichtig: „Was wir messen, ist nicht die Konzentration von Viren“, sagt der Aerosolexperte von der Parteq GmbH, die gemeinsam mit dem Fraunhofer Heinrich Hertz Institut und dem dort tätigen Professor Wolfgang Schade die Studie zum Grenzlandtheater erstellt hat. „Was wir untersuchen, ist, wie die ausgestoßene Atemluft die umliegenden Sitznachbarn erreicht, beziehungsweise wie hoch die Aerosolkonzentration im Raum ist.“ Dabei geht es um die Anzahl von kleinsten Partikeln pro Kubikmeter Raumluft. Die sind so fein – wenige hundert Nanometer klein –, dass sie von der Luft getragen werden. Ein Nanometer entspricht übrigens einem milliardstel Meter.

Um die Konzentration messen zu können, verwenden Seipenbusch und sein Team einen Aerosolgenerator, der ein spezielles Öl vernebelt. Außerdem wird CO2 beigemischt, um tatsächliche Atemluft zu simulieren. Dieses Gemisch atmet Oleg schließlich aus, und rundum wird fleißig gemessen. Im Grenzlandtheater hat sich Oleg so von Reihe zu Reihe und von Platz zu Platz durch den gesamten Zuschauerraum gearbeitet. Im Ergebnis halten die Experten fest: „Eine Gefahr von Infektionen durch Aerosolübertragungen im Saal ist nahezu ausgeschlossen.“ Und: „Das Grenzlandtheater Aachen kann mit seinem vorhandenen Lüftungskonzept kein Superspreading-Event provozieren.“

Im Durchzug: Weil das Grenzlandtheater eine moderne Belüftungsanlage hat, entsteht quasi ein vertikaler Luftstrom von unten nach oben. Die Aerosole erreichen die umliegenden Sitzplätze nicht. Mit zusätzlichem Mund-Nasen-Schutz wird der Effekt verstärkt. Foto: Grenzlandtheater
Im Durchzug: Weil das Grenzlandtheater eine moderne Belüftungsanlage hat, entsteht quasi ein vertikaler Luftstrom von unten nach oben. Die Aerosole erreichen die umliegenden Sitzplätze nicht. Mit zusätzlichem Mund-Nasen-Schutz wird der Effekt verstärkt. Foto: Grenzlandtheater

Dieses klare Ergebnis ist freilich an Voraussetzungen geknüpft. Der vielleicht wesentlichste Punkt: die Belüftungsanlage. Das Haus wurde 1999 erbaut und ist damit im Vergleich zu vielen anderen Theatern geradezu nagelneu, wie Stephan Josephs, der technische Leiter des Grenzlandtheaters, erklärt. Und es verfügt über modernste Technik. Die Luft wird unter den Sitzen in den Raum eingeblasen und oben an der Decke abgesaugt, sodass ein kontinuierlicher vertikaler Luftstrom von unten nach oben entsteht. „Man spürt nicht, dass man im Durchzug sitzt, aber es ist so“, sagt Josephs. „Deshalb erreicht die Atemluft noch nicht mal den Menschen, der vor einem sitzt.“

Eine weitere Voraussetzung ist ein Mund-Nasen-Schutz. Als Oleg den getragen hat, wurden in unmittelbarer Umgebung nur noch Aerosolwerte von 1 bis 1,5 Prozent bezogen auf die Quellkonzentration gemessen, also auf das, was Olegs Mund tatsächlich verlässt. „Wir haben bislang in rund 20 Häusern in ganz Deutschland gemessen – in Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen, Veranstaltungshallen“, sagt Aerosolexperte Seipenbusch. „Die Werte im Grenzlandtheater gehören zu den niedrigsten, die wir überhaupt gemessen haben.“

Die Ergebnisse sind ein Politikum

Das Grenzlandtheater hatte die Wissenschaftler von sich aus kontaktiert, nachdem Intendant Uwe Brandt im Januar eine Berichterstattung über eine solche Untersuchung am Konzerthaus Dortmund in unserer Zeitung gelesen hatte. Die Ergebnisse dort waren schon sehr ermutigend gewesen. Doch was bedeutet es nun, wenn der Regionalligist Aachen den Champions-League-Teilnehmer Dortmund schlägt – um kurz eine Fußball-Analogie zu bemühen? Schließlich tobt längst eine Debatte um Lockerungen der Corona-Beschränkungen, und besonders die gebeutelten Kulturbetriebe fordern Öffnungen.

„Wir wollen gar nicht so sehr Druck auf die Politik ausüben“, sagt Brandt. „Natürlich fänden wir es gut, wenn die Politik im Bereich Kultur allgemein und bei den Theatern im Besonderen etwas genauer hinschauen würde, welche Beschränkungen wirklich notwendig sind. Aber eigentlich geht es uns viel mehr darum, bei unseren Zuschauern Vertrauen zu schaffen, dass ein Besuch in unserem Haus sicher ist. Wir wollen Mut machen, ins Theater zu gehen, wenn wir wieder öffnen dürfen.“

Trotzdem sind die guten Ergebnisse der Studie an sich natürlich schon ein Politikum. Denn welche Argumente hat die Politik, ein Haus, das einen solchen wissenschaftlichen Nachweis erbringt, weiter zu schließen? Und wenn man es öffnet, welche Auslastung lässt man dann zu? 218 Zuschauern bietet das Grenzlandtheater Platz.

In den vergangenen Jahren lag die Auslastung konstant bei rund 95 Prozent. „Die brauchen wir eigentlich auch, um das anbieten zu können, was wir anbieten wollen“, sagt Dramaturgin Anja Junski. Bliebe jeder zweite Platz frei – etwa bei einer Schachbrett-Sitzordnung – käme man immerhin auf 50 Prozent Auslastung. Wenn man noch etwas ausgefuchster Familien- beziehungsweise Haushalts-Cluster bildet, sogar noch mehr. Mit drei bis vier Tagen Vorlauf könne man das Stück „Love Letters“ wieder aufnehmen, das man im vergangenen Herbst noch bis zur Premiere gebracht hatte, sagt Junski. Weitere Proben ergäben allerdings auch wirtschaftlich nur Sinn, wenn es einen konkreten Fahrplan für eine Öffnung gibt. Damit rechnen sie am Grenzlandtheater kurzfristig aber nicht. Laut Coronavirus-Schutzverordnung sind in Nordrhein-Westfalen Aufführungen in Theatern zunächst bis zum 28. März unzulässig. Wie es dann weiter geht, hängt auch von den Inzidenzwerten ab.

Oleg atmet sich derweil weiter durch die Republik, derzeit in München. „Wir sind absehbar ausgebucht“, sagt Martin Seipenbusch. In Aachen hat Oleg übrigens noch ein anderes Haus besucht: das Eurogress. Die Ergebnisse werden aber noch ausgewertet.