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Premiere im Theater Aachen: Warum Mozarts „Le Nozze di Figaro“ so aktuell ist

Premiere im Theater Aachen : Warum Mozarts „Le Nozze di Figaro“ so aktuell ist

Ab Sonntag ist Mozarts Oper „Le Nozze di Figaro“ im Theater Aachen zu erleben. Für Sopranistin Suzanne Jerosme und Bassbariton Sreten Manojlovic eine doppelte Premiere.

Für beide ist es eine doppelte Premiere, wenn am Sonntag die ersten Takte von Mozarts „Le Nozze di Figaro“ („Die Hochzeit des Figaro“) im Großen Haus des Aachener Theaters unter der musikalischen Leitung des Ersten Kapellmeisters Chanmin Chung erklingen. Suzanne Jerosme (32) ist zum ersten Mal Susanna, Kammermädchen der Gräfin Almaviva, Sreten Manojlovic (1989 in Belgrad geboren), Gast für diese Oper am Theater, hat zwar in anderen Inszenierungen bereits den Grafen Almaviva gesungen – aber noch nie den temperamentvollen Figaro. Der selbstbewusste Kammerdiener rebelliert gegen die Praktiken der Herrschaft und will Susanna heiraten, ohne dass der Graf das „Recht der ersten Nacht“ einfordert, weil er „Appetit“ auf sie hat. Keine leichte Aufgabe.

Eine brisante Situation, die den italienischen Regisseur Mario Corradi, der für das Theater Aachen zuletzt Franz Léhars Operette „Die lustige Witwe“ inszeniert hat, zu einer klaren Botschaft führt: Machtmissbrauch und Nötigung sind damals wie heute Instrumente und Druckmittel in vielen Bereichen der Gesellschaft. Seit 40 Jahren arbeitet Corradi für Bühnen in der ganzen Welt – besonders gern interpretiert der ehemalige Philosophieprofessor Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und sagt: „Ich finde immer wieder etwas Neues in diesem Werk. Es ist ein feministisches Stück mit spannenden Aussagen und großartigen klugen Frauen.“

Mozart schrieb seine Oper nach einem Libretto von Lorenzo da Ponte, uraufgeführt wurde sie 1786 in Wien. Das Werk war stets heftig von der Zensur bedroht, weil es gegen herrschende Systeme protestiert – das schenkt der Oper noch immer eine besondere Dynamik, die Suzanne Jerosme und Sreten Manojlovic deutlich spüren, die sie sogar dann noch beflügelt, wenn sie von den anstrengenden Proben erschöpft sind. „Ein Meisterwerk, das mich schnell auf Arbeitstemperatur bringt“, betont Manojlovic.

Dass es statt der Rüschen, Kniehosen, Westen und Mieder sachliche, eher zeitlose Kostüme gibt, finden alle gut. „Das ist ja viel bequemer, man kann sich sehr gut darin bewegen“, meint Suzanne Jerosme. Sie mag ihre Susanna, die sich nichts gefallen lässt. „In der Handlung wird unterdrückt, was man als Frauenehre bezeichnet“, sagt die Sängerin. „Die Oper ist wirklich aktuell.“

Die musikalische Sprache eines Mozart bleibt dabei in ihrer Schönheit, die dem Ensemble alles abverlangt, ein Phänomen, das zahlreiche Aspekte zusammenführt. Dazu sagt Corradi: „Wenn man dem Orchester zuhört, weiß man genau, ob Ironie, Aggression oder andere Gefühle im Spiel sind.“ Die wahre Liebe – findet man sie in „Le Nozze di Figaro“ überhaupt? „Ja, in der Beziehung zwischen Figaro und Susanna wird sie gelebt“, sagt Jerosme, und Manojlovic stimmt ihr zu, meint aber: „Im vierten Akt setzt sie Figaro ganz schön zu.“

Dort erfährt der Kammerdiener zufällig etwas vom geplanten Verwirrspiel, mit dem die Frauen Almaviva entlarven oder – besser gesagt – kurieren wollen. Figaro, der falsche Schlüsse zieht und sofort wütend wird, zweifelt kurzfristig an seiner Braut Susanna und kocht vor Eifersucht. Manojlovic: „Man darf bei allen Facetten der Geschichte nicht den Hintergrund der Handlung vergessen. Figaro weiß schließlich eine Menge vom Grafen, er war damals noch als Barbier daran beteiligt, dass Almaviva Rosina, die heutige Gräfin, erobern konnte“, bezieht er sich auf die Geschichte vom „Barbier von Sevilla“, die unter anderem Gioachino Rossini vertont hat. Ist Figaro ein kluger Stratege? Beide lachen. „Na ja, eher bauernschlau“, findet Manojlovic.

Die Partie der Susanna enthält für die Sopranistin viele spannende Facetten und eine Persönlichkeit, mit der sie sich gut identifizieren kann. „Susanna ist intelligent und dauernd in Aktion.“ In Jelena Rakič hat sie bei dieser Inszenierung eine Zweitbesetzung. „Fünfzig Prozent weniger Proben, gemeinsame Arbeit auf der Bühne, da müssen wir beide klarkommen.“ Wenn Susanna gegen Ende der Oper ihre leise, nachdenkliche Arie singt, ist Suzanne Jerosme bewegt: „Da muss ich mich sehr konzentrieren und beherrschen, das ist Gefühl pur.“ Corradis Lieblingspassage kommt gleichfalls gegen Ende, das „Contessa, perdono!“ (Frau Gräfin, Vergebung!) des Grafen Almaviva. Die Arie lässt hoffen, dass er verstanden hat.

 Wer sagt hier, wo es langgeht? Figaro (Sreten Manojlovic) und Susanna (Suzanne Jerosme).
Wer sagt hier, wo es langgeht? Figaro (Sreten Manojlovic) und Susanna (Suzanne Jerosme). Foto: Wil van Iersel