„Nathan/Abraumhalde“ im Theater Aachen

Premiere im Theater Aachen : Charmanter Abend in der Lessing-Werkstatt

„Nathan der Weise“ trifft ein Sekundärdrama von Elfriede Jelinek. Ganz schön viel Stoff. Die Aachener Theatermacher sind daran gescheitert – sagen sie. Aber daraus entsteht ein unterhaltsamer Abend in der Kammer des Theaters.

Die Ringparabel, gemeinhin als Schlüsselszene von Lessings „Nathan der Weise“ gesehen, als zentraler Text der Aufklärung und Ausformulierung des Toleranzbegriffs, spielt in Jan Langenheims Produktion in der Kammer des Aachener Theaters nur eine Nebenrolle. Stattdessen nähern sich Melina Pyschny, Karl Walter Sprungala und Alexander Wanat Lessings Drama in einer Art Werkstattgespräch. Mal in direkter Ansprache an das Publikum, mal in gelesenen Monologen und gespielten Szenen gehen sie Entstehung und Bedeutung des Stücks nach. Dazu werden kontinuierlich Sekundärquellen hinzugezogen: Wikipedia, der Duden, die Texte von alten und neuen Philosophen und das Sekundärdrama „Abraumhalde“ von Elfriede Jelinek.

Langenheim lässt sein Ensemble kokettieren, man sei gescheitert am Versuch, „Nathan/Abraumhalde“ zu erarbeiten. All das Hummus-Essen in Jerusalem, wohin das Team zur Vorbereitung reiste, habe es nicht vorangebracht. Ob von vorneherein vorgesehen oder tatsächlich aus der Not geboren: Ensemble und Regisseur finden eine äußerst charmante und bodenständige Form der Auseinandersetzung mit dem Stoff. Den drei Performern ist es zu verdanken, dass der Dialog mit dem Publikum locker, unterhaltsam und nie gekünstelt wirkt.

„Ich will, dass die Leute was verstehen“, sagt Pyschny, als sie kurz in die Rolle von Dramaturgin Inge Zeppenfeld schlüpft. Dafür wird gesorgt: Zentrale Begriffe wie „Aufklärung“ und „Toleranz“ werden diskutiert. Die Handlung des Dramas wird ebenso in den historischen Kontext eingeordnet wie seine Entstehung in die Lebensumstände Lessings.

Jelineks „Abraumhalde“ ist eine – sehr lange, als scheinbar ungefilterter Bewusstseinsstrom formulierte – Rekonstruktion des Aufklärungsbegriffs mit deutlichen Referenzen zum „Nathan“. Die drei Weltreligionen werden jedoch, statt miteinander verbunden, in ihren Klischees und negativen Bildern durch die Augen der jeweils anderen dargestellt. Langenheim räumt dem Text einen angenehm begrenzten Rahmen ein, streut ihn zwischen Szenen und Meta-Szenen und wählt vor allem Abschnitte, die sich um „Wahrheit“ und den Konflikt zwischen Moral und Geld drehen.

Das Konfliktpotenzial der aufeinandertreffenden Religionen lässt die Inszenierung durch die eher theoretische Behandlung der Ringparabel und das Auslassen von Jelineks bitter-ironischen Vorurteils-Äußerungen weitgehend unangetastet und verweist vielmehr auf die Selbstverständlichkeit ihres Nebeneinanders – etwa mit dem Video eines Gesprächs mit einem Stoffhändler, der in Jerusalem die Angehörigen aller drei Religionen versorgt. Wie die Toleranz heute auf dem Prüfstand steht, bleibt einem zwar im Hinterkopf, wird auf der Bühne aber leider nicht klar ausgesprochen.

Auch den „Nathan“ reduziert Langenheim auf das Wesentliche. Die Grenzen zwischen den verschiedenen Spielformen werden nicht streng gezogen. Der Werkstattgedanke wird stets aufrechterhalten. Dialoge dürfen seziert, Textstellen wiederholt und ausprobiert werden.

Und während nicht gespielt wird, räumen die Darsteller in weißen Overalls (Ausstattung: Langenheim) die Bühne auf. Vor der Kulisse von Lessings Haus in Wolfenbüttel werden nach und nach Möbel an ihren Platz gerückt, Kleidungsstücke gefaltet, Müll entsorgt. Nach knapp zwei Stunden bleibt am Ende ein aufgeräumtes Arbeitszimmer übrig.

Langenheim verfolgt die Lessing-Assoziationen bis ins Detail: Die Musikauswahl umfasst unter anderem ein Stück von Abraham Mendelssohn Bartholdy, Sohn von Lessings (jüdischem) Freund Moses Mendelssohn, sowie den Song „Wolfenbüttel“ der Schweizer Band Bonaparte.

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