Heerlen: Spektakulärer Auftakt von Cultura Nova

Cultura Nova in Heerlen : Maskentheater, Arien und Feuerzauber

Mehr als 20.000 Zuschauer verfolgen die spektakuläre Eröffnung des Festivals Cultura Nova in Heerlen. Die moderne Open-Air-Version von Shakespeares „Romeo und Julia“ erfordert allerhand Mitdenken.

Mit dem Tod fallen die Masken, und das traurige Liebespaar Romeo und Julia, im Sterben vereint, wird an einem weiß leuchtenden Ballon dicht über die Menschenmenge geflogen, die auf dem Burgemeester van Grunsvenplein vor dem Theater Heerlen still geworden ist. Das internationale Theaterfestival Cultura Nova wurde am Wochenende mit einem künstlerischen Paukenschlag eröffnet und bietet noch bis zum 1. September Raum für faszinierende, spannende und abenteuerliche Begegnungen, eingebunden in eine Diskussion zu Umwelt- und Lebensfragen.

Der schöne Sommerabend im Herzen der Stadt ist wie gemacht für ein Spektakel, bei dem die Toneelgroep Maastricht von den französischen Ensembles Groupe F und Aérosculpture sowie Progression Freerunning aus den Niederlanden unterstützt wird. Es gilt, einen weiten Raum zu bespielen und dabei stets die Aufmerksamkeit der mehr als 20.000 Zuschauer zu erhalten. So wird das Spektakel nach William Shakespeare zur Plattform unterschiedlicher Ausdrucksmöglichkeiten – typisch Cultura Nova.

„Eine großartige Mischung aus Theater, Zirkus, Film, Tanz und Bildender Kunst, die steigenden Zuschauerzahlen sagen alles“, betont Ingrid van Engelshoven, Ministerin für Bildung, Kultur und Wissenschaft der Regierung der Niederlande, die beim Eröffnungsempfang und danach hoch oben auf der Bühne zusammen mit Heerlens Bürgermeister Emile Roemer dem 29. Marathon der Künste gute Wünsche mitgibt.

Dann sind die Künstler an der Reihe. Auf einer Projektionswand an der Fassade des Theaters brodelt das Unheil. Schwarzes Gewölk steigt auf, Turbulenzen, später die blutigen Folgen der uralten Fehde zwischen Capulets und Montagues. Man kennt die Geschichte – besser: Man sollte sie kennen, denn Toneelgroep und Kollegen geben immer wieder optische Rätsel auf. Im Mittelpunkt stehen Romeo und Julia, beide mit unansehnlichen, übergroßen Köpfen ausgestattet, eine tolle Leistung der Kaschierwerkstätten. So tappen die beiden naiv in ihr Unglück, Romeo mit stupidem Gesichtsausdruck, Julia mit unendlichem Staunen im Gesicht, das runde Mündchen wie zum Schrei geöffnet. Man soll sie gar nicht schön finden – man soll hinschauen und hinhören.

Von einem der Techniktürme schallt die Geschichte des Stücks, gesprochen von einem gleichfalls vom schweren Kopf gedrückten Erzähler. Inzwischen haben rund 200 Herren, Mitglieder niederländischer Chöre aus Venlo, Geleen, Brunssum und Kerkrade, auf der gestuften Bühne Platz genommen. Die Musik (Leitung Wim Schepers) ist in dieser Inszenierung der Überraschungen von Servé Hermans eine feste Größe, der Sammelpunkt der Gefühle.

Die Dramatik steigt. Auf der Bühne tragen junge Leute vom HFC-Studio Heerlen gut trainiert und kraftvoll ihre Hip-Hop-Battles aus. Sie verkörpern die rebellische Jugend Veronas. Ein wichtiges Element in der urban geprägten Version des Klassikers. Hoch oben auf dem Dach des Theaters kämpfen die Anführer, die ab und zu mal ihre Beine auf die Beschriftung „Theater“ oder „Heerlen“ baumeln lassen.

Auf der Bühne erhebt sich sanfter Männergesang. Ganz in Schwarz mischen sich der italienische Tenor Antonello Plombi und der prominente niederländische Bariton Sef Thissen ins Geschehen. Mit Arien und großem Gestus prägen sie den leidenschaftlichen Grundton der Inszenierung, zwei grandiose Stimmen, die im Duett der „Perlenfischer“ von Georges Bizet zu einem atemberaubenden Gesamtklang verschmelzen.

Wenn es darum geht, einen Ausdruck für Gefühle zu gewinnen, ist man kreativ. Egbert Derix und Kasper Schonewille beeindrucken live am Klavier. André Heuvelman kommt mit seiner Trompete den Liebenden nah. Da sorgt die wunderschöne Melodie der „Meditation aus Thaïs“ von Jules Massenet dafür, dass die Menschen tief durchatmen. Passt nicht ins Drama? Doch, doch, Sehnsucht pur, Musik, die zu Tränen rührt, und die hat das unglückliche Paar verdient.

Modern ist selbst die Balkonszene: Das fünfstöckige Appartementhaus neben dem Theater wird in die opulente Inszenierung einbezogen. Man muss zweimal hinschauen, dann erkennt man, dass sich eine Gruppe von Fassadenkletterern katzenhaft bis in die obersten grell ausgeleuchteten Geschosse hinaufbewegt. Ohne Sicherung, akrobatisch und mit wilder Eleganz bestürmen sie Julia, die dort oben ihr sehnsuchtsvolles „O Romeo! Warum denn Romeo?“ spricht. Der Geliebte wird auf eine Hebebühne gepackt und in ihre Nähe geschwenkt. Das hat was.

Zwischendurch gibt es ein bisschen Feuerzauber, der Platz erglüht in Rot, ein prasselnder Reisregen geht auf die Zuschauer nieder – die heimliche Hochzeit des „dickköpfigen“ Liebespaares ist schnell vorbei, denn das Unglück nimmt seinen Lauf.

Auf einem Katafalk streckt sich Julia zum Todesschlaf aus, und der lange Dolch liegt schon bereit. Sie ist eine zierliche blonde Frau, Romeo ein junger Mann in blauer Windjacke: beide frei von schweren Köpfen. Dann kommt der Tod, und sie hängen als Opfer der Fehde schlaff und öffentlich am weißen Ballon. Das Abschlussfeuerwerk ist ein gigantisches Ausrufezeichen. Eine Inszenierung mit niederländischen Texten, die allerhand Mitdenken erfordert und zeigt, dass in Heerlen spröde Theater-Kunstwerke willkommen sind. Freundlicher Applaus, nicht zuletzt für ein engagiertes Licht- und Technikteam.

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