Grenzlandtheater Aachen: "The Rocky Horror Show" gefeiert

„Rocky Horror Show“ im Grenzlandtheater Aachen : Schlechtes Benehmen erwünscht beim Besuch aus transsexual Transsylvania

Mit einem Konfetti-Regen ist die Inszenierung des Kultmusicals „Rocky Horror Show“ von Richard O’Brien im Grenzlandtheater Aachen gestartet. Die Inszenierung von Udo Schürmer wurde heftig gefeiert. Viel Applaus und mehrere Zugaben.

Nachdem Intendant Uwe Brandt ausdrücklich um „schlechtes Benehmen“ gebeten hat und zögerliche Besucher mit einer Aktionstüte (Konfetti, Leuchtstab, Zeitung) versorgt hat, geht die Post ab. Das im Juni 1973 in London uraufgeführte Kultmusical von Richard O‘Brien ist vielen eher durch die gleichfalls kultige Kinofassung „The Rocky Horror Picture Show“ von 1975 mit Tim Curry bekannt und weckt bei dem einen oder anderen wehmütige Erinnerungen an verrückt-lustige Stunden in wackeligen Studentenkinos mit Wasserspritzerei und Reisregen (im Grenzlandtheater ist stattdessen Konfetti angesagt).

Der „Weißt-Du-Noch?“-Faktor hat Anteil am Erfolg der sorgfältig gearbeiteten Aachener Inszenierung von Udo Schürmer im düster-variablen Bühnenbild von Steven Koop, der sich zudem bei den Kostümen Rocky-Horror-verliebt austoben durfte. Denn die finsteren „creatures oft the night“ müssen unterirdisch daherkommen. Und das tun sie, bunt, wild geschminkt, funkelnd. An ihrer Spitze der bizarre Frank’n’Furter aus Transsexual Transsylvanien. Strapse, unendlich lange Beine, enges Lederkorsett mit knappem Slip, rote Lippen unter dem Freddy-Mercury-Bärtchen – das hat was. Mit Marc Lamberty steht ein hochkarätiger Hauptdarsteller auf der Bühne, der von Anfang an mit seiner atemberaubenden Präsenz das Spiel bestimmt und das Tim-Curry-Bild verdrängt.

Regisseur Schürmer weiß, was er der „Rocky Horror Show“ schuldig ist, sorgt für unmissverständliche Kontraste. So auch beim unschuldig-verklemmten Pärchen Brad und Janet, das sich ins Horror-Schloss verirrt. Joshua Hien  und Janice Rudelsberger sind komödiantische Gegenspieler zum Geisterreigen, singen und tanzen fabelhaft, durchlaufen eine heiße erotische Transformation in ihrer ausgewaschenen Doppelripp-Unterwäsche. Keiner kreischt so schön wie Janet! Sex-Szenen und Obszönitäten sind geschickt gelöst, sozusagen alles und eigentlich nichts.

Starke Stimme, Spannung im durchtrainierten Körper, bizarre Posen und eine anhaltende Leidenschaft, die auf alle abstrahlt zeichnen Lamberty aus. Highheels sind für ihn kein Problem, damit dominiert er akrobatisch seinen Hofstaat und kann sogar rennen. Im Reigen der bis in die kleineren Rollen mit hervorragenden Musicaldarstellerinnen und -darstellern besetzten Rollen ragt er nicht nur durch seine Körpergröße auf. Ihm zur Seite geben Tobias Rusnak als bleicher Diener Riff Raff und Tina Podstawa als Magenta mit schöner roter Mähne und kraftvollem Gesang ein ansehnliches Gegengewicht. Starke Momente hat Lasarah Sattler als traurige „Columbia“. Die Brustmuskeln lässt Lucas Bayer hüpfen. Das blond gelockte Retorten-Produkt Rocky in goldenen Shorts erinnert an den Juniorgrafen „Herbert“ aus „Tanz der Vampire“. Er bietet nicht nur einen guten Body, sondern gleichfalls eine sichere Stimme.

Nackte Haut in solcher Nähe zum Zuschauer verlangt viel Disziplin vom gesamten Team. Tanz auf der kleinen Bühne ist stets eine Herausforderung, die Choreographin Marga Render mit Bravour und einem spielfreudigen Ensemble meistert. Die Akteure müssen allerdings sehr sportlich sein.

Für besonderes Flair sorgt die Livemusik unter der Leitung von Gero Körner am Keyboard, der zusammen mit Steffen Thormälen (Schlagzeug), Roger Schaffrath (Gitarre), Werner Lauscher (Bass) und Martin Jahner (Saxophon), die im engen Obergeschoss der Bühne versteckt sind. Druckvoll kommen die Kultsongs wie „Science Fiction Double Feature“, „Damnit Janet“ und der unverwüstliche „Time Warp“ daher. Es gibt zudem sentimentale Momente, die Schürmer geschickt herausarbeitet. Und zwischendurch – klar – Regen aus Wasserpistolen, wirbelndes Konfetti, freche Zwischenrufe von teils kostümierten „Rocky Horror“-Profis.

Marco Wohlwend als penetrant-biederer Erzähler im karierten Anzug muss sich immer wieder  das „boaring“ („laaangweilig“) gefallen lassen, und Marc Lamberty reagiert gelassen auf Zurufe mit einem „I know, darling!“, einem gezierten Zögern oder einem langen Blick ins Publikum. Zusammen mit den allgegenwärtigen Phantomen Karina Kettenis, Isabelle Vedder, Krisha Dalke und Jan Altenbockum im Hofstaat ein reizbarer Herrscher der Zwischenwelt. David Schuler gibt als Dr. Scott (bei diesem Namen müssen alle „uh“ rufen) den eigentümlichen Einstein.

Insgesamt eine flotte, professionelle Inszenierung mit berühmten Zitaten (selbst Jedi-Ritter kommen vor), die unterhält und die grandiosen Elemente eines aus allen möglichen Versatzstücken der Musical-Welt zusammengebastelten Stücks mit Ironie und Flitter hervorlockt. Da muss man nicht alles verstehen – nur Spaß haben und den Sitznachbarn mit Konfetti bewerfen. Viel Applaus.

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