"Die Wolke" im Aachener Das Da Theater

Kostenpflichtiger Inhalt: Aachener Das Da Theater holt „Die Wolke“ in die Region : Der Super-GAU in Tihange und die Folgen

Katastrophe im Kernkraftwerk Tihange: Das Aachener Das Da Theater transferiert Gudrun Pausewangs Roman „Die Wolke“ in unsere Region. Am 28. November feiert das Stück Premiere.

„Viel Spaß“ wünscht Tom Hirtz automatisch zu Beginn des Probenbesuchs. Und zieht diesen Wunsch doch gleich wieder zurück: „Auch, wenn es nicht schön wird.“ Der Intendant des Aachener Das Da Theaters meint damit keinesfalls die schauspielerische Leistung seines Ensembles oder die noch nicht gänzlich ausgefeilte Technik. Er meint den Inhalt der Geschichte, für die sein Team gerade probt: „Die Wolke“ nach dem gleichnamigen, 1987 erschienenen Jugendroman von Gudrun Pausewang hat am kommenden Donnerstag in einer ersten, von der Autorin autorisierten Fassung für die Bühne, die Hirtz erstellt hat, Premiere.

Und tatsächlich stellen sich ziemlich bald die Nackenhaare auf, als Hannah (Caroline Siebert) in einem langen Monolog beginnt, ihre Geschichte zu erzählen: Das Atomkraftwerk in der Nähe ist explodiert. Die strahlende Wolke macht sich auf den Weg in Hannahs Heimatort. Die 14-Jährige ist zum ersten Mal allein mit ihrem achtjährigen Bruder Uli, die Eltern sind unterwegs. Die Geschwister versuchen zu fliehen und geraten in ein auf vielerlei Weise lebensbedrohliches Chaos.

Hirtz verstärkt das bedrohliche Szenario weiter, indem er es in unsere Region holt: Der Super-GAU passiert im belgischen Tihange, Hannah geht auf ein Aachener Gymnasium und wohnt in Roetgen, ihre Eltern verbringen den Tag in Lüttich. Auf Fahrrädern fliehen Hannah und Uli von Roetgen nach Aachen, um einen Zug zur Tante in Hamburg zu erwischen. Derweil wabert eine gelbe Wolke auf einer übergroßen Landkarte oberhalb der Bühne von Tihange nach Aachen (Bühne: Frank Rommerskirchen).

Später findet sich Hannah in einem Auffanglager in Köln wieder. Dafür wechselt die Darstellung vom Monolog ins Szenische. Weitere Schauspieler (Cornelius Engemann, Franka Engelhard, Madeline Hartig und Mehdi Salim) kommen dazu, frieren aber immer wieder ein, wenn Hannah aus ihrer Ich-Perspektive berichtet.

Gudrun Pausewang hat das Buch kurz nach dem atomaren Unglück in Tschernobyl 1986 geschrieben. In den späten 1980er Jahren – auf dem Höhepunkt der Anti-AKW-Bewegung – wurde es vielfach in Schulen gelesen. Dann flachte das Interesse am Thema ab – bis Fukushima: Die Bundesregierung entschied 2011, bis 2022 aus der Atomkraft auszusteigen. Andere europäische Länder verlängern unterdessen die Laufzeiten oder planen neue Kernkraftwerke.

In der Region flammte massiver Protest auf, als in Tihange und Doel Risse im Reaktordruckbehälter bekannt wurden. „Den Höhepunkt erreichte die Protestbewegung sicherlich 2017 mit Menschenkette von Aachen bis Tihange. Seitdem ist es aber doch recht ruhig geworden“, findet Tom Hirtz. Er wollte das Thema wieder nach vorn bringen – und setzte es deshalb auf den Spielplan seines Theaters.

Dafür bat er die 91-jährige Autorin, ihr Buch in eine Bühnenfassung umzuwandeln und es zugleich in die Region zwischen Aachen, Maastricht und Lüttich verlegen zu dürfen. „Sie war mit der Verfilmung von 2006 nicht sonderlich zufrieden und wollte den Text vorher lesen.“ Hirtz‘ Version überzeugte offenbar, denn Pausewang gab grünes Licht.

Hirtz Inszenierung geht eindeutig unter die Haut – auch er selbst muss bei den Proben immer wieder schlucken, wie er sagt – „trotz aller professionellen Distanz, die ich auch hier einnehme“. Panikmache sei allerdings keineswegs sein Ziel: „Die Fakten kennt jeder. Ich glaube, wir bekommen das Thema nur wieder ins Bewusstsein, wenn wir mit einem persönlichen Schicksal aufrütteln. Es sind keine fiktiven Bilder, wenn man es zulässt.“