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Premiere am Grenzlandtheater: Der Blick in den Abgrund

Premiere am Grenzlandtheater : Der Blick in den Abgrund

Das Grenzlandtheater Aachen bringt eine bewegende Inszenierung von Robert Seethalers „Der Trafikant“ auf die Bühne. Das Stück zeigt, wie eine Gesellschaft in den Totalitarismus kippt.

Franz versteht die Welt nicht mehr. Sie ist aus den Fugen. „Alle sind verrückt geworden. Die Leute sind wie kopflose Hendl und kennen sich nicht aus“, stellt er fest. Immer wieder rauft er sich die Haare angesichts der inneren und äußeren Wirren, die er durchlebt. Abschied von Zuhause, Erwachsenwerden, erste Liebe, und dann auch noch die zum Zerreißen gespannte politische und gesellschaftliche Lage. Wie soll man das alles aushalten?

Im Sommer 1937, kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlers Nazi-Deutschland, wird der 17-Jährige von der alleinerziehenden Mutter aus dem Salzkammergut als Lehrjunge zu ihrem guten alten Freund, dem Trafikanten Otto Trsnjek, nach Wien geschickt. In der Großstadt erlebt der lebenshungrige, aber etwas naive Junge vom Dorf gleich mehrere aufwühlende Umbrüche. Es sind „faulige Zeiten“, und der kleine Tabak- und Zeitungsladen wird zum Schauplatz im Kleinen der großpolitischen Lage. Schließlich lernt Franz den großen Psychoanalytiker – den „Deppendoktor“ – Sigmund Freud kennen, der Stammkunde in der Trafik ist.

Das Grenzlandtheater Aachen bringt „Der Trafikant“ nach dem gleichnamigen Erfolgsroman von Robert Seethaler aus dem Jahr 2012 auf die Bühne. Das ist einerseits eine sichere Bank, denn das Stück, das am Freitagabend im sehr gut besuchten Haus Premiere gefeiert hat, ist starker Stoff. Auch lassen sich angesichts des erstarkenden Rechtspopulismus und den immer stärker unter Druck geratenden demokratischen, freiheitlichen, rechtsstaatlichen Gesellschaften Verbindungen in unsere Gegenwart herstellen. Andererseits ist es eine große Herausforderung. Denn wie bringt man einen so vielschichtigen und sprachgewaltigen Roman, der 2018 auch noch mit Bruno Ganz erfolgreich fürs Kino verfilmt worden ist, auf die Theaterbühne, zumal auf eine so vergleichsweise kleine?

Die Bühnenfassung, die ebenfalls von Seethaler stammt, der auch Drehbuchautor und Schauspieler ist, lässt den Theatern relativ viel freie Hand. Der aus Niederbayern stammende Regisseur Christoph Biermeier macht daraus bei seiner ersten Arbeit in Aachen eine berührende Inszenierung mit viel Emotionalität, ohne ins Sentimentale zu kippen – eine Gratwanderung. Dabei kann er sich auf ein bemerkenswert starkes Ensemble stützen, das nicht nur die Herausforderung meistern muss, relativ viele Rollen, sondern auch diverse Szenerien mit geringsten Mitteln abdecken zu müssen. Die Mutter am Attersee, der Sohn in Wien, Tabaktrafik, Rummel auf dem Prater, Varietétheater, Gestapo-Hauptquartier, Stadtpark, Freuds Wohnung – es ist fast ausschließlich das Spiel der Darsteller, das die jeweilige Szenerie vor dem geistigen Auge der Zuschauer entstehen lässt.

Für die meisten der sieben Schauspielerinnen und Schauspieler ist es ebenfalls das erste Gastspiel in Aachen. Lediglich Fabio Piana hat als Sohn der Stadt mit regelmäßigen Engagements am Grenzlandtheater ein Heimspiel. Paul Kaiser, der den Otto Trsnjek spielt, war zwar 1991 in „Der zerbrochene Krug“ am Theater Aachen zu sehen, gehört aber ansonsten zum Kreis der Schauspieler, die Biermeier aus Süddeutschland mitgebracht hat, wo er meistens inszeniert. Hauptdarsteller Max Konrad (Franz Huchl) und Jeff Zach (Sigmund Freud) verleihen der Inszenierung mit ihren Wiener Wurzeln zusätzlich sprachliches Originalkolorit.

Die emotionale Achterbahnfahrt, auf der das Publikum diesen Franz begleitet, muss Max Konrad weitgehend ohne Hilfsmittel bewältigen. Es ist beeindruckend, wie er nach und nach die kindlichen Züge ablegt. Stark sind die Duo-Szenen, vor allem mit Nikola Norgauer in der Rolle der Mutter. Wie die beiden sich gegenseitig ihre Postkarten und Briefe vorlesen und dabei gleichzeitig Distanz und Nähe, Vertrautheit und Veränderung zeigen können, ist zutiefst berührend. Trsnjek und Freud werden für den Lehrbub zu väterlichen Freunden, wobei Jeff Zach den Psychoanalytiker mit angenehm satter Selbstironie ausstattet. Janina Raspe in der Rolle der Anezka schließlich spielt ihr Spielchen mit dem „Bürscherl“. Dass sie selbst auch eine verletzliche Seite hat, kommt allerdings kaum zum Vorschein.

Glänzen können Julian Niedermeier und Fabio Piana, die souverän zwischen Pfarrer, Postbote oder Varieté-Darsteller, zwischen Jahrmarkt-Animateur, antisemitischem Metzger und brutalem Gestapo-Schergen wechseln. Es sind diese vermeintlich kleinen Rollen, die jeder Szene auch ihren Grundton geben. Anfang noch immer wieder heiter, kippt die Stimmung zusehends ins Düstere und wird schließlich zum Blick in den Abgrund, wenn Anezka mit dem SS-Schergen davonzieht.

Claudia Rüll Calame-Rosset hat ein in seiner Schlichtheit äußerst vielseitig nutzbares Bühnenbild geschaffen. Es sind vor allem Lichtstimmungen, wenige historische Postkarten-Motive, die auf die zentrale Wand projiziert werden, und nur einzelne Requisiten, mit denen der äußere Rahmen gesetzt wird. Der Trafikant Otto Trsnek (Paul Kaiser) rollt mit einem multifunktionalen Zeitungsständer herein, an den der Einbeinige gefesselt ist. Das Zigarrenregal lässt sich davon lösen und hängt am Trafikanten wie er an seiner Trafik. Solche kleinen Einfälle funktionieren gut. Christoph Peters schafft dazu eher heutige, oftmals elektronische Klanglandschaften, die die Stimmung der Szenen stützen. Eine Brücke in die Gegenwart? Die muss man daraus schon konstruieren wollen.

Die Welt ist aus den Fugen. Unordnung im Hirn, Unordnung im Herz – und am Ende auch auf der Bühne. Da liegt der selbstgestrickte Schal von der Mutter, Trsnjeks Krücke, die Zettel mit den Träumen, die Franz aufgeschrieben hat. Bevor sie ihn geholt haben, hat er noch ein Zeichen gesetzt. Gibt es Hoffnung?

„Der Trafikant“, Schauspiel von Robert Seethaler am Grenzlandtheater Aachen (ab 4. Dezember auch an anderen Orten in der Städteregion). Dauer: ca. eine Stunde und 45 Minuten. Weitere Aufführungen täglich vom 1. November bis 11. Dezember, außer am 7., 15. und 22. November. Tickets sind erhältlich an der Theaterkasse, telefonisch unter 0241/4746111 oder im Internet.

www.grenzlandtheater.de