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Stefanie Rösner am Theater Aachen: Blut, Schweiß, Tränen und Energy-Drink

Stefanie Rösner am Theater Aachen : Blut, Schweiß, Tränen und Energy-Drink

So lange spielt Stefanie Rösner noch nicht am Theater Aachen. Dabei hat sie aber schon mächtig Eindruck hinterlassen, auch ohne Worte. Die Berlinerin wird nun mit dem Kurt-Sieder-Schauspielerpreis ausgezeichnet.

Spitze Zähne, scharfe Krallen. Angriffslustig reißt der Drache auf der Flasche die Schnauze auf und schwingt gleich zwei Schwerter. Dieser Energy-Drink scheint mehr als Flügel zu verleihen. Stefanie Rösner nimmt einen tiefen Schluck. Passt ja prima ins Bild! Vorige Saison ist die Schauspielerin am Theater Aachen schwertschwingend als rachedurstige Kriemhild durch Blut gewatet. Klar, dass sie sich privat dann mit so einem roten Bio-Drachentrunk stärkt. Oder?

„Nö!“ Stefanie Rösner fährt einem mal schnell und knackig in die Parade. Der Koffein-Kick in der Probenpause wirkt offenbar schon. Den Energy-Drink hat sie zufällig aus dem Supermarktregal gefischt, sagt sie, hat gar nix mit einer Rolle zu tun. Im Gespräch wird sich herausstellen, dass die 36-Jährige gerne redet und Widerspruch mag, aber superfreundlich serviert, manchmal mit einem Fingerschnipsen oder Händeklatschen garniert. Und dass der erste Schein schon mal trügt. Stefanie Rösner fährt keine Krallen aus, ihre kurzen Nägel sind babyrosa lackiert, Zähne zeigt sie oft, aber nur beim fernsehgestählten Strahlen.

Die Diva rauscht gen Rampe

Zwar kommt die sportlich-schlanke Berlinerin, die seit Februar fest im Ensemble ist und jetzt mit dem Kurt-Sieder-Schauspielerpreis ausgezeichnet wird, zunächst locker-humorvoll daher. Mit weißen Sneakers und blauen Jeans, grauem Schlabberpulli und hochgesteckten weißblonden Wuschelsträhnen. Doch nach einem erwartungsfrohen „Juti!“ werden später so bedeutungsschwere Begriffe wie „Disziplin“, „Demut“ und „Heiligkeit“ fallen, wenn die Schauspielerin mit großem Ernst von ihrer Theaterarbeit spricht. Und wer von ihren bisherigen Aachener Auftritten berichtet, kommt auch nicht ohne Blut, Schweiß und Tränen aus.

Vielleicht sorgt sie ab Samstag aber auch für Lachtränen. Denn nach vielen schmerzhaften Bühnenmomenten als Rächerin Kriemhild („Die Nibelungen“), Politiker-Gattin Ebba („Momentum“), Barfrau Sylva („Nationalstraße“) und Kosmetikverkäuferin Cookie („Für immer schön“) spielt Rösner nun eine Hauptrolle in einer Komödie – allerdings mit ernstem Hintergrund: In „Noch ist Polen nicht verloren“ kämpft eine Gruppe polnischer Schauspieler gegen die Nazis – indem sie um ihr Leben spielen. Stefanie Rösner gibt die Diva Maria Tura.

Ein kleiner Hopser, dann rauscht sie auf Stöckeln von links über die Bühne gen Rampe, „die berühmteste Schauspielerin Polens“. Mit einer halben Stunde Verspätung sprengt Maria Tura die Proben des Anti-Nazi-Stücks „Gestapo“. Ein Kiekser, ein Blick hoch zum Rang, so stellt sie sich ihren großen Auftritt im KZ vor, erklärt sie dem Regisseur, inklusive Auspeitschen und Abendkleid mit Schlitz fast bis zum Schritt. „Hier ist nicht Hollywood, Maria“, meint der Regisseur des Stücks im Stück trocken. „Wir sind in Posen.“ Provinztheater Posen.

Ja, Schauspieler spielen Schauspieler, proben Proben. Da dürfen sie lustvoll in die Klischeekiste greifen: Eitel und egozentrisch, wirkungsgeil und übertrieben? Aber sicher doch! Eine heikle Gratwanderung zwischen Widerstandskämpfern und Witzfiguren. Aber vielleicht auch Spiegelung eines ernsten Konflikts: Der Schauspieler setzt sich seine Identität aus Rollen zusammen? „Der Mensch spielt immer!“, meint Stefanie Rösner abseits der Bühne überzeugt.

Und das muss sie auch betonen: „Ich bin grundsätzlich gerne pünktlich.“ Eine halbe Stunde zu spät zur Probe, das gäbe es bei ihr nicht. Was ihr echter Regisseur Martin Schulze bestätigen kann. Er lobt zudem ihre Loyalität der Arbeit gegenüber, fern von privaten Befindlichkeiten. Die Botschaft ist klar. Stefanie Rösner ist natürlich keine Diva. Das lassen wir erst mal so stehen.

Gewissenhaft jedenfalls führt sie Buch. Für jede Rolle schreibt sie eine Biografie. Die von Maria Tura ruht in einem dünnen, grauen Notizheft. Und was steht drin? Das will Rösner nicht verraten. „Ich habe als Schauspielerin auch meine Geheimnisse!“, sagt sie mit aufgerissenen Augen und presst das Notizheft mit verschränkten Händen vor die Brust. Okay, ein bisschen Diva darf sein. Da gelte es auch, die „Heiligkeit des Theaters“ zu schützen, Demut zu zeigen, fügt sie ganz ohne Pathos hinzu. Den Text lässt sie „durch den Körper“ fließen, indem sie ihre Rolle mit der Hand abschreibt, erzählt die 36-Jährige. Ihre Textbücher erinnern an Comics, denn neben der grün und gelb markierten Figurenrede prangen Bleistiftzeichnungen. Bei Kriemhild etwa Schwert oder Bluteimer, bei Maria Tura Pantoffeln. So könne sie besser den Text auswendig lernen.

Bei ihrem ersten Auftritt als Gast 2018 in Aachen musste sie das gar nicht. Kein Wörtchen hat sie als Untergebene Marlene in Fassbinders Psycho-Kammerspiel „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ gesagt und war dennoch äußerst präsent. Fast zwei Stunden „totale Konzentration“, wie ein „Lexikon an Subtext“ fühlte sich Rösner da. Für sie „eine der größten schauspielerischen Herausforderungen“ und für das Theater der Grund, sie zu halten.

Angefixt für die Bühne wurde sie mit 14 im Berliner Theater an der Parkaue: „Die neuen Leiden des jungen W.“, ein athletischer Darsteller, der schwitzend über die Bühne rauschte. „Seine Energie ist so dermaßen auf mich übergeschwappt“, schwärmt Rösner. In der Schule haben Physik, Chemie, Bio oder Mathe für sie danach einfach keinen Sinn mehr ergeben. Beim Theater unterm Dach in Prenzlauer Berg hat sie dann mit 17 angeklopft. Auf ihr „Ich will Schauspielerin werden!“ hat ihr der Kursleiter einen Besen in die Hand gedrückt, erzählt sie. „Sorge dafür, dass dein Arbeitsplatz sauber ist!“ Und nach dem Bühnefegen gab’s was zu lesen, vom großen Theaterlehrer Stanislawski, über Ehtik und Disziplin. „Das hat mich maßgeblich beeinflusst“, sagt Rösner.

Nach freien Theatererfahrungen in Berlin und dem Schauspiel-Diplom mit Auszeichnung an der Hochschule in Leipzig ging’s ins erste Engagement ans Nationaltheater Weimar – mit vielen großen Rollen, Luise und Marie, Effi und Julia. Danach war das Schauspiel Düsseldorf für sie von 2011 bis 2014 „noch mal eine andere Liga“, aber das bedeutete auch, im Kinderstück und auf der Studiobühne zu spielen, ein „Hochfriemeln“, „sehr lehrreich“.

Ebenso wie das Fernseh-Intermezzo mit „Verbotene Liebe“, neun Folgen in der Serienhauptrolle als Malerin Mila von Draskow. Eine „tolle Zeit“, aber danach war ihr klar, dass ihr das Theater näher ist als ein Soap-Drehset. Dass die Serie eingestellt wurde, sieht sie nicht als persönlichen Rückschlag. Ebenso wenig, dass Aachen nun wiederum eine andere Liga ist, weiter unten. Aufs und Abs seien in diesem Beruf keine Seltenheit. Da brauche man Durchhaltevermögen.

Klingt ein klein wenig nach der Kosmetikverkäuferin Cookie Close. „Showtime. Lächeln!“, treibt die sich unermüdlich an, während sie mit rosa Rollkoffer von Haustür zu Haustür stöckelt, um Mascara, Nagelfeilen und Schlafmasken zu verkaufen. Allerdings landet die todtraurig-komische Stehauflady wahnhaft optimistisch in einer surrealen Endlosschleife. In Rösners Darstellung kann man gut erkennen, dass Theater auch harte körperliche Arbeit ist. Nach wenigen Minuten keucht und schwitzt sie. Nein, hinter der Kulisse hat sie niemand nassgesprüht. „Das ist mein ganz eigener Schweiß!“, jubelt sie und reckt die Arme zur Siegerpose. So echt wie die Tränen beim tosenden Premieren-Schlussapplaus? Ja, tatsächlich. Anders als das Blut, das sie aus ihren Pumps kippt.

Anders als Cookie kann Stefanie Rösner auch gut einen Schlussstrich ziehen. „Ich weiß, wo meine Grenzen sind!“ 22 Uhr, Probenende, dann muss Feierabend sein, damit nach sieben Stunden Schlaf ab 7 Uhr Text gelernt werden kann. „Pausenzeiten sind mir auch heilig.“ Auch das Gespräch dauert jetzt lang genug. Ein fester Händedruck, ein herzliches Zähnezeigen. Bevor die nächste Probe beginnt, erst mal raus eine „piepen“ (also rauchen) und neue Energie tanken!