Mönchengladbach: Theater Mönchengladbach präsentiert Oper von Michael Nymans

Mönchengladbach : Theater Mönchengladbach präsentiert Oper von Michael Nymans

Die Zuschauer nehmen auf der Bühne Platz, 120 Stühle stehen statt Kulissen um ein kleines rundes Podest mit Stehlampe, Ledersofa, Glotze, Schachtisch und dem Klavier. Der große Saal des Mönchengladbacher Theaters mit seinen roten Polsterreihen, er liegt im Halbdunkel. Allenfalls Gemurmel aus Lautsprechern weist auf ein imaginäres Publikum.

Ein kleines Orchester sitzt an der nun zwecklosen Rampe, fünf Streicher, Harfe, Klavier und Michael Preiser, der dirigiert, was Michael Nyman, einer der Pioniere der Minimal Music, berühmt auch aus den experimentellen Greeneway-Filmen, in die Partitur geschrieben hat: wenig, aber davon ganz viel.

70 Minuten atemlos spannend geronnene Zeit, eine Geschichte zu erzählen vom kranken Sänger. Nymans Oper „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ ist eine vertonte neurologische Krankenakte über eine Spielart der Demenz als Musiktheater. Eine Rarität.

Es kommt einem schon ziemlich weit weg vor, dass das Gemeinschaftstheater Krefeld/Mönchengladbach mit einer Opernproduktion so nah ans Heute rückte. Für Nymans 1986 uraufgeführtes Kammerspiel experimentiert das Haus zudem mit einer Inszenierung, die dem Publikum ziemlich nah auf den Pelz rückt.

Im Dreipersonenstück, das den authentischen Fall eines dementen Sängers, seiner Frau und seines Arztes als Ausgangspunkt hat, spielt nach Willen und Idee des Regisseurs Robert Nemack und dem Künstlerkollektiv Clement & Sanôu das Publikum die unsichtbare vierte Figur: die Krankheit selbst. Umgeben von dieser Klammer dreht sich in wechselndem Strudel der (leider knarzenden) Drehbühne der Wohnraum, in dem der Sänger um Identität und Würde, seine Frau um Aufrechterhaltung der gutbürgerlichen Fassade ringen.

Während für den Patienten alltägliche Dinge wie Schuh, Handschuh, Bild, Straße im Nebel neurologischer Defekte verschwimmen, bleibt ihm die Musik — und das Schachspiel — Orientierung. Die titelgebende Szene, als er sich den Kopf seiner Frau als Hut aufsetzen will, ist eine weitere im ruhigen Fluss der fortschreitenden Krankheit, die im Volksmund „Seelenblindheit“ heißt.

Nyman hat für seine repetitiven, mit etlichen Flageoletts eingefärbten Akkorde heftig bei Schumann geräubert. Dessen „Dichterliebe“ scheint immer wieder in Akkordfolgen durch, das „Ich grolle nicht“ wird zur in Traumlicht entrückten Reminiszenz an bessere Zeiten. Andrew Nolen darf ein doppelter, überaus sonorer Bariton sein.

Ihm immerhin sind einige Kantilenen mitgegeben, die seiner Frau (Debra Hays) und dem Arzt (Markus Heinrich) trotz etlicher Unisoni weitgehend verweigert bleiben. Die Musik, der Gesang bleibt distanziert, seziert wie der Fall selbst. Das ist schwer auszuhalten und soll es wohl auch sein. So etwas wie Entwicklung findet nicht statt. Das Ende ist Musik, leise, ein wenig traurig, verklingend ins Nichts. Betroffener, begeisterter Applaus.

Mehr von Aachener Zeitung